Kultur

„Ich bin eines der Aushängeschilder“

Der russische Ballettstar Daniil Simkin wechselt von New York nach Berlin. Ein Treffen in der Oper

„Ich habe schon länger mit der Idee geflirtet zurückzukehren“, sagt Daniil Simkin. Der Tänzer wird im Sommer vom American Ballet Theatre aus New York zum Berliner Staatsballett wechseln. Aber seine konkrete Rückreiseroute ist wohl typisch für einen Weltstar. In New York werden am 6. Juli seine Sachen mit Container abgeschickt, tags darauf hat er seine letzte Vorstellung beim ABT. Danach fliegt er für einige Vorstellungen nach Mexiko, anschließend nach Venedig. Zwischendurch ist er einige Tage bei seinen Eltern in Frankfurt am Main, bevor es weitergeht nach Japan. Im August fängt er als Erster Solotänzer beim Staatsballett an, seinen ersten Auftritt hat er im September in John Crankos „Onegin“.

Simkin ist ein sehr offener und höflicher Mensch

Daniil Simkin ist gerade einige Tage privat in Berlin. Er hat einiges zu regeln, unter anderem sucht er eine Wohnung, möglichst in Charlottenburg. Eine „Schwanensee“-Aufführung besuchen wir gemeinsam, gehen anschließend noch Pizza essen. Er ist ein sehr offener und höflicher Mensch. In der Deutschen Oper beobachtet er seine neue Compagnie mit großer Spannung, sitzt stellenweise auf der Stuhlkante, applaudiert den Tänzern. Patrice Barts sehr französische „Schwanensee“-Choreografie ist weit weg von dem, was der Russe Simkin als Prinz bislang getanzt hat. Mit dem Selbstbewusstsein eines Stars meint er, er könne sich überall einfinden. „Passt schon“ sagt er mehrfach im Gespräch.

Die russische Primaballerina Polina Semionova wird an diesem Abend als Odette/Odile gefeiert. Sie ist der große Star des Staatsballetts. Er kenne sie schon ziemlich lange, sagt Simkin. Sie hätten zusammen Galas auf der ganzen Welt gemacht und in Amerika zusammen getanzt. „Wir haben mehrere Male zu Abend gegessen und viel miteinander gesprochen. Ich schätze Polina sehr, sie ist ein wunderbarer Mensch und eine sehr schöne Tänzerin.“

Beim Staatsballett beginnt im Sommer die neue Ära von Johannes Öhman und Sasha Waltz. Der Wechsel von Nacho Duato zum neuen Führungsduo war von vielen Querelen begleitet, weil die Tänzer befürchteten, dass mit der Tanzikone Waltz das klassische Ballett enden würde. „Ich bin praktisch eines der Aushängeschilder, dass die Klassik nicht verloren geht“, sagt Simkin: „Die russische Basis bleibt erhalten. Ansonsten würde ich nicht kommen. Denn ich bin ein klassischer Tänzer, und mein Schwerpunkt wird in den nächsten Jahren klassisch sein.“ Sasha Waltz habe er getroffen, und sie hätten „einen guten Draht“.

Aber seine eigentliche Verbindung ist Johannes Öhman, den er schon lange kennt. „Ich habe auch bei seinem Royal Swedish Ballet gastiert. Als ich erfuhr, dass er Direktor in Berlin wird, haben wir angefangen, miteinander zu sprechen“, sagt Simkin: „Ich glaube an die Vision von Sasha Waltz und Johannes Öhman, an das Konzept des breiten Spektrums einer Ballettcompagnie – von Ultra-Klassik bis hin zum Zeitgenössischen. Ich glaube, dass eine gute Compagnie die Möglichkeit hat, alles auf einem internationalen Niveau zu tanzen.“

Simkin versteht sich als Tänzer des Internet-Zeitalters

In gewisser Weise ist Simkin ein Ballett-Nerd mit einer Außenseiterbiografie. 1987 in Nowosibirsk geboren, zogen seine Eltern 1990 nach Graz, drei Jahre später weiter nach Wiesbaden. Beide Elternteile sind klassisch ausgebildete Balletttänzer. Daniil Simkin wurde ungewöhnlicherweise von seiner Mutter privat ausgebildet. Er legte sein Abitur ab. Sein erstes Engagement hatte er gleich als „Demi-Solist“ beim Staatsopernballett Wien, von dort wechselte er für zehn Jahre nach New York.

Dass er anders tickt als viele Tänzer, erklärt er damit, dass er anders aufgewachsen sei. „Ich war in keinem Internat für Balletttänzer. Ich habe deshalb mein Leben anders strukturiert und war nicht nur aufs Ballett fokussiert.“ Darüber hinaus gehöre er zur ersten Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. „Das Internet hat den Tanz ziemlich verändert“, sagt Simkin. „Ich war einer der ersten Tänzer, der seine Videos auf Youtube gestellt hat. Das war das, was die meisten Leute von mir wahrnehmen konnten.“

Generell mag er visuelle Künste, sagt er: Filme, Serien, Fotografie. „Ich bevorzuge die Spontanität der Stand-up-Comedy und Jazz. Ich mag Sachen, die im Moment entstehen, und all die Situationen, in denen Verschiedenes aufeinandertrifft.“ Etwa wenn Kunst auf Kommerz trifft und sich im Design oder Mode wiederfindet. Darüber hinaus interessiert er sich für Psychologie.

Arbeit habe für ihn immer Priorität, betont er. „Sie gibt mir eine psychologische Stabilität. Wir Tänzer haben weniger Schmerzen, wenn wir immer weitergehen. In dem Moment, wenn wir anhalten, fangen die Gelenke an zu rebellieren. Wir sind an Spannung und Stress gebunden.“ Er mache nie mehr als ein oder zwei Wochen Ferien, sagt Simkin.

Natürlich kennt Simkin bereits viele Tänzer aus seiner neuen Compagnie. Aber die Stadt ist ihm noch fremd. „Ich bin im Prozess, Berlin zu entdecken. Es ist schön, in eine neue Umgebung zu kommen.“ Seine Pizza hat er auffällig schnell aufgegessen. Seine Müdigkeit ist nicht zu übersehen, der Preis des Jetlags. Er ist direkt vom Gastspiel aus Singapur und Hongkong angereist. Bereits am Montag geht es wieder weiter.