Theater

Null und nichtig an der Schaubühne

| Lesedauer: 5 Minuten
Stefan Kirschner
Jule Böwe, Bernardo Arias Porras, Ingo Günther, Florian Anderer, Carol Schuler, Bastian Reiber, Axel Wandtke und Ruth Rosenfeld in „Null“ (v.l.n.r.)

Jule Böwe, Bernardo Arias Porras, Ingo Günther, Florian Anderer, Carol Schuler, Bastian Reiber, Axel Wandtke und Ruth Rosenfeld in „Null“ (v.l.n.r.)

Foto: Thomas Aurin

Herbert Fritsch inszeniert an der Schaubühne "Null" - ein bitterer Kommentar zum Neuanfang an der Volksbühne, seiner alten Heimat.

Berlin. Was hat uns Herbert Fritsch nicht schon alles beschert: akrobatische, poeti­sche, wortklaubende, dadaistische, hintersinnige und -listige, luftige und lustige Abende. Da ging es mit Frau Luna bis hinauf zum Mond, auf der Drehscheibe der Volksbühne drehte das Ensemble seine Runden auf Fahrrädern. Wolfram Koch posierte vor himmelblauem Hintergrund auf einem Sprungbrett am Pool, überlegte gefühlt eine halbe Ewigkeit, wann der richtige Zeitpunkt zum Absprung gekommen sein könnte.

Irgendwann brach dann das Brett ab. Ein großes Trampolin im Bühnenboden katapultierte den Mostrichfabrikanten Klinke und seine Gäste in die Höhe. Vor einem überdimensionierten Grammofontrichter standen die Fab Four und lauschten. Das Höllenklavierorchester. Aus und vorbei. Mit dem Ende der alten Volksbühne endete auch diese Zeit.

Herbert Fritsch verließ mit seiner Truppe das Haus, die künstlerische Heimat – und heuerte mit seinen Schauspielern an der Schaubühne an. Es muss ein sehr schmerzhafter Abschied gewesen sein. Stunde Null. Neuanfang. Das Gefühl einer Amputation.

Das zumindest legt der Abend nahe, der am Sonnabend an der Schaubühne Premiere hatte: „Null“ heißt die Uraufführung, für die Fritsch auch das Bühnenbild entworfen hat. Es ist übersichtlich. Wir blicken auf viel nackten Beton, auf der einen Seite hängt noch ein ziemlich großer Bildschirm, auf der anderen verdecken Tücher einen Durchgang. Eine Stange reicht vom Bühnenboden bis zum -himmel.

Nach einer halben Stunde ist erst mal Schluss

Es beginnt vorhersehbar, ohne Überraschungen. Die Schauspieler kommen auf die Bühne, es wirkt wie in einer Probe. Ferse hin, Ferse her, aber statt Versen geht es um Zahlen jenseits der Null, um „Eins, Zwo, Sprung, Drei, Vier“, um „schräge Sprünge“ und „Leerrunden“, um die Vermessung und das Abschreiten des Raumes, nicht nur auf dem Boden, sondern auch in der Luft, denn die Spieler überwinden dank Seilen die Schwerkraft, einer reißt dabei auch einen der Vorhänge an der Seite herunter. Das geht so eine halbe Stunde, dann ist Schluss. Bühnenumbau. 20 Minuten Pause.

Pause.

Pause.

Pause.

Pause.

Wer will, kann rausgehen und sich ein Getränk genehmigen. Das macht der größere Teil des Publikums.

Es gibt ja durchaus inszenierte Pausen, die richtig etwas bieten. In „Die lächerliche Finsternis“, die Produktion des Wiener Burgtheaters war beim Theatertreffen 2015 zu sehen, wurde kurzerhand das Bühnenbild zersägt. Jetzt in der Schaubühne geht es unspektakulärer zu. Zwei Bühnenarbeiter stehen auf einer Doppelleiter und ersetzen den Vorhang, andere installieren eine Art Eiserne Hand, eine überdimensionale Prothese, die hochgezogen wird und fortan unter der Decke hängt. Dort gibt sie gelegentlich Geräusche ab, ihren großen Auftritt hat sie zum Schluss des zweistündigen Abends, wenn die Finger ein mechanisches Ballett formen.

Der kleine erfolgt direkt nach der Pause. Da flüchten sich die Schauspieler unter die Hand, die jetzt eine schützende ist. Die Akteure haben die Auszeit genutzt, um einen internen Kostüm- und Perückenwechsel vorzu-nehmen, bei Werner Eng rutscht jetzt unaufhörlich die Hose, Carol Schuler und Ruth Rosenfeld haben den Dutt getauscht.

Die Stange kommt ins Spiel. Axel Wandtke fährt mit einem Gabelstapler auf die Bühne, vorne auf den Zinken steht Florian Anderer wie eine Statue. Der Gabelträger fährt nach oben, immer höher – und dann hängt Anderer an der Stange, um schließlich langsam und klanglich mit den verstärkten Rutschgeräuschen illustriert herunterzugleiten. Lichter kreisen, bilden verschiedene Farben und Formen. Später gibt es auch noch eine Ensem­ble-Orchesternummer, Ingo Günther dirigiert, es wird geblasen und Jule Böwe hält das Instrument wie ein Baby im Arm. Irgendwann stehen dann alle auf der Europalette und das Spiel mit dem hoch und runter wird auf die Hub­podien des Bühnenbodens erweitert.

Der Verlust schmerzt offenbar noch sehr

Die Aufführung wirkt wie ein bitterer Kommentar zu dem Eröffnungsabend der neuen Volksbühne. Die Stunde Null für Chris Dercon, den umstrittenen Nachfolger von Langzeit-Intendant Frank Castorf. Ein leer geräumtes Haus. Und zur Premiere gab es Kako­fonie, Hubpodien, die hoch und wieder herunter gefahren wurden, Scheinwerfer, die sich bewegten, Umbaupausen und Performatives.

Offenbar ist die Wunde unter den alten Volksbühnen-Künstlern noch längst nicht verheilt. Schon bei Grebes Fontane-Abend an der Schaubühne gab es eine entsprechende Bemerkung eines langjährigen Volksbühnen-Akteurs. Dass aus dem Schmerz des Verlustes jetzt ein selbstbezogener, mäßig unterhaltsamer Abend entsteht, ist bedauerlich.

Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153. Kartentelefon: 89 00 23. Termine: 26., 27., 28., 30. März, 1. und 2. April

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