Kultur

Zerbrechlichkeit und Coolness

Charlotte Gainsbourg spielt im Columbia Theater ein fast schon zu perfektes Konzert

Seltsam, dass sich der Pop-Import aus nicht englischsprachigen Ländern nach wie vor zu schleppen scheint. Oder warum spielt Charlotte Gainsbourg bloß im kleinen Columbia Theater? Obwohl sie auf ihrem fünften Album „Rest“ noch konsequenter als zuvor Französisch und Englisch mischt. Die Französin Gainsbourg ist heute vielleicht die einzige Sängerin ihres Landes, die international mehr als nur Insidern bekannt ist. Und zwar nicht vornehmlich, weil sie die Tochter des berühmten Chansonniers Serge Gainsbourg und des Filmstars Jane Birkin ist, oft bepreiste Schauspielerin und immer von einem Hauch Skandal umflattert.

Zuletzt spielte sie bei Lars von Trier in „Nymphomania“ eine Nymphomanin, mit angemessenem Körpereinsatz. Und schon ihre erste Platte, 1984, war nicht ganz Lolita-frei – Papa Serge schrieb ihr ein Duett auf die Kleinmädchenstimme: „Lemon Incest“. Im Refrain haucht sie: „Je t’aime, t’aime, je t’aime plus que tout,/ Papapappa.“ „Ich liebe dich, liebe dich mehr als alles, / Papapappa.“ Im Video liegt sie im weißem Slip neben Papa auf einem Bett.

Das mit dem Hauchen kann sie heute noch, und auch die wilden, zum Teil tragischen Familiengeschichten lassen sie nicht los. Auf „Rest“ textet Gainsbourg zum ersten Mal selbst, schreibt über Kindheitsängste, Schüchternheit, den Tod des Vaters und den ihrer Schwester Kate vor ein paar Jahren. Nur das Töchterchen von damals ist sie schon lange nicht mehr.

Auf der Bühne verkörpert Charlotte Gainsbourg mehreres gleichzeitig: ein dünnes Mädchen, das langsam auf die 50 zugeht und selbst drei Kinder hat, eine Celebrity-Mode-Ikone, die keine sein will, und eine Chanteuse, die sich nicht lang aufhält mit der Tradition, die immer an der aktuellen Klangfront steht. In Frankreich darf man durchaus Bekenntnistexte in knackigen 80er-Jahre-Pop schlagen, geschrieben und produziert vom Elektromusiker SebastiAn.

Wenn Gainsbourg mit fünf jungen Herren, alle in Jeanshemden, auf die zu kleine Bühne kommt, sich zum E-Piano durchzwängt, ist sofort klar, wer hier die Chefin ist. Mal sitzt sie einfach da, mit angezogenem Knie, dann steht sie auf, hakt die Daumen in die Hosentaschen, verschränkt die Arme, kratzt sich am Kopf – wie ihr Gesang bringt ihre ganze Erscheinung Intimität und Professionalität, Zerbrechlichkeit und Coolness zusammen. Sie spielt ihr neues Album einmal durch. Ihre hervorragende Band klingt dabei streckenweise fast zu perfekt, kurz vor der Lifestyle-Musik.

Doch nach „Songbird in a Cage“, das ihr Paul McCartney geschenkt hat, werden die Songs funkiger, Elektronik schiebt sich zwischen Schlagzeug und Gitarre. Gainsbourg steht vorn an der Bühne wie ein Girl am Rande eines Dancefloors, das weiß, dass alle sie anschauen, auch wenn sie gar nicht tanzt. Während die Musik lauter wird, breitwandiger, um ihre unverkennbare Stimme kreist. Die erinnert tatsächlich an Mutter Birkin, nur dass Charlotte neben dem Hauchen auch noch singen kann.

Als Zugabe gibt es dann tatsächlich „Lemon Incest“: Charlotte singt abwechselnd die Passagen ihres Vaters und sich selbst als 12-Jährige. Das hebt die Schlüpfrigkeit der Ur-Konstellation auf ein anderes Niveau – hinter der Provokation wird das Liebeslied erkennbar, wird zum Lied der Tochter, voll Zärtlichkeit und Trauer. Das Publikum ist plötzlich sehr ruhig. Dann donnert Applaus los.