Kultur

Aus Schutt entsteigt Sprache

| Lesedauer: 3 Minuten
Katrin Pauly

Der Dreiteiler „Krieg“ am Berliner Ensemble ist anstrengend, aber ein Abend großer Monologe

Nach weniger als einer halben Stunde Spielzeit liegt die Bühne in Trümmern: Zermatschte Weintrauben vermischen sich auf dem Boden mit Theaterblut, die Darsteller sind eingesaut, das Gemälde, das Caspar David Friedrichs „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ zeigte und auf riesige Gipskartonplatten projiziert war, ist zerdroschen. Wir haben noch gut vier Stunden vor uns, wie soll das bloß weitergehen? Romantisch jedenfalls nicht. Aus dem Schutt, der mal Kunst war, entsteigt: Sprache. Um die Welt zu fassen zu kriegen. Das ist zwar meistens ein Kampf, aber immer einen Versuch wert.

Sieger wird es keine geben in „Krieg“, dem frühen sprachmächtigen Dreiteiler von Rainald Goetz aus dem Jahr 1986, den Regisseur Robert Borgmann jetzt am Berliner Ensemble erstmals komplett auf die Bühne brachte. „Heiliger Krieg“ heißt der erste, stärkste Teil, der in einem assoziativen Wortgewitter die bundesrepublikanische Gesellschaft begräbt. Heidegger, Stockhausen, Stammheimer treten auf, wütende Bürger, saufende Stammtischler mit hohlen Sprüchen, Ex-Revolutionäre mit ihren Parolen. Wut in gestammelten Phrasen, alles nebeneinander, durcheinander, Bedeutungen sprengend und übers Schauspiel doch wieder einfordernd. Mehr kann man kaum verlangen vom Theater.

Das ist anstrengend, aber sehr oft auch irre komisch und es ist ein Abend der großen Monologe. Wahre Kraftakte sind hier zu erleben, bei Ingo Hülsmann zum Beispiel, bei Annika Meier, bei Constanze Becker, die im Leder-Look unter einem sich jetzt tief von der Decke gesenkten Neon-Achteck mit kreisendem Zeiger schmerzenswund von Arbeit und kreischenden Maschinen spricht. Und natürlich bei Stefanie Reins­perger, die sich innerlich wie äußerlich entblößt. Sie ist es auch, die am Ende des ersten Teils vor dem Vorhang sagt: „Die Bühne ist das Letzte, aber wenigstens das Leben.“ Userfeindlich sei das Theater, heißt es an anderer Stelle, gegen den Anwender konzipiert. Denn das ist dieser Text auch: eine Negierung des Theaters als Wirklichkeitsabbildungsapparat.

Und was macht Borgmann im zweiten Teil, der mit „Schlachten“ überschrieben ist? Er wechselt ausgerechnet ins intime Kammerspiel, klassisch geradezu mit ein paar surrealen Elementen. Erzählt wird die etwas langatmige Geschichte eines musizierenden Malers, der an der Welt und seiner Kunst krankt. Gerrit Jansen spielt ihn als empfindsam Verdrehten, als einsam Leidenden in der Familienhölle.

Noch privater geht’s im dritten Teil zu: „Kolik“ heißt der, und der Mensch ist nun von allem befreit, der großen Welt, der mittelgroßen Familie und hockt in Gestalt von Aljoscha Stadelmann in viel zu großen Kleidern in einer viel zu kleinen Kiste. Er stammelt, sucht in der „verschissenen Zeit“ nach seinem Sein, findet Dreck, Strenge, Hass und sagt, bevor er irgendwann flüsternd immer leiser wird und dann verstummt: „Man hat Leben erlebt.“ In der Tat, das hat man an diesem Abend. Man hat in viereinhalb bilder- und gedankensatten Stunden dabei allerdings auch den einen oder anderen Tod sterben müssen, aber das hat sich gelohnt.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Tel. 284 08 155. Nächste Termine:
26. März, 7. April und 13. April, je 19 Uhr.