Kultur

Der Boulevard zieht um

Ende Mai schließen die Kudammbühnen. Im September wird die neue Spielzeit im Schiller Theater eröffnet

Der Tag der Pressekonferenz war wohl gewählt. Parallel dazu startete der Vorverkauf, „und der ist für uns ganz wichtig“, sagte Martin Woelffer, Direktor der Kudammbühnen, am Freitag bei der Präsentation des neuen Spielplans. So eine Veranstaltung ist eigentlich unspektakulär, aber in diesem besonderen Fall eben nicht. Denn mit Beginn der neuen Saison müssen die Boulevardtheater ihren seit den 20er-Jahren etablierten Standort am Kurfürstendamm verlassen. Beide von Max Reinhardt begründeten und bespielten Bühnen werden für die Neugestaltung des Kudamm-Karrees abgerissen. Als Ausweichquartier dient das Schiller Theater, das faktisch naheliegend ist, aber gefühlt verdammt weit weg vom Boulevard liegt.

Ein Umzug mit ungewissem Ausgang. Woelffer rechnet damit, das etwa 1100 Plätze umfassende Schiller Theater, das zuletzt der Staatsoper als Ausweichquartier diente, für „drei bis vier Jahre“ zu bespielen. Eröffnet wird die Spielzeit am 23. September mit einer Uraufführung: „Willkommen bei den Hartmanns“. Das Theaterstück basiert auf dem gleichnamigen, erfolgreichen Film um eine Familie, die einen Flüchtling aufnimmt. Es ist allerdings noch nicht fertig. John von Düffel kümmert sich um die Bühnenfassung, aber der Dramaturg des Deutschen Theaters war in seinem Stammhaus zuletzt sehr mit „Rom“ beschäftigt, einem Zusammenschnitt mehrerer Shakespeare-Stücke; die Inszenierung hatte am gestrigen Freitag Premiere.

Und weil das alles zeitlich etwas gedrängt ist, hat sich Martin Woelffer entschlossen, die „Hartmanns“ selbst zu inszenieren, was er ursprünglich eigentlich nicht wollte, wie er auf der Pressekonferenz sagte. Die ziemlich kurzweilig war, weil mit Jochen Busse und Hugo Egon Balder zwei Schauspieler mit dabei waren, die auch auf einer Pressekonferenz wie ein Bühnenpaar in einer Boulevardkomödie agieren können. Das machen sie dann auch im Schiller Theater gemeinsam in „Komplexe Väter“. René Heinersdorff, der unter anderem das Theater an der Kö in Düsseldorf und das Theater im Rathaus Essen leitet und ein Kooperationspartner der Kudammbühnen ist, die nicht unwesentlich vom Tourneetheaterbetrieb leben, schreibt und inszeniert die Komödie, die am 30. November Premiere im Schiller Theater hat.

Coline Serreau wird auch Regie führen

Dass auf dem Podium neben Katharina Thalbach auch die französische Regisseurin und Autorin Coline Serreau („Drei Männer und ein Baby“) saß, legte einen Brückenbau der besonderen Art nahe. Die beiden haben ja eine gemeinsame Vergangenheit am Schiller Theater: Für Thalbach war es die erste feste künstlerische Station im Westen nach der Ausreise aus Ost-Berlin. Sie hat am Schiller Theater nicht nur gespielt, sondern mit „Macbeth“ auch ihr viel beachtetes Regiedebüt präsentiert. „Ich freue mich, in die alte Heimat zurückzukehren“, sagte sie bei der Pressekonferenz, zuvor hatte sie den geplanten Abriss der beiden traditionsreichen Reinhardt-Theater als „Schande“ bezeichnet. Thalbach stand bis zur Schließung des Schiller Theaters 1993 dort auf der Bühne, unter anderem in „Hase Hase“. Und mit einer überarbeiteten Version dieses Stücks von Coline Serreau wird die „Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater“, so soll das Haus künftig heißen, ab dem 20. Januar 2019 bespielt. Regie führt die Autorin selbst – möglicherweise der Beginn einer kontinuierlichen Zusammenarbeit. Katharina Thalbach übernimmt erneut den die Titelrolle, spielt also „die weise“ (Serreau) beziehungsweise „die alte Häsin“ (Thalbach). Außerdem wirkt ihre halbe Familie mit, unter anderem Tochter Anna und Enkelin Nellie.

Ergänzt werden die Neuproduktionen durch Übernahmen wie „Die Tanzstunde“ mit Oliver Mommsen. Eine Zusammenarbeit mit Schauspielschulen und weitere Projekte sind im Foyer des Schiller Theaters geplant. Und eine Art Kiosk als Vorverkaufsstelle soll am Kudamm bleiben, denn erfahrungsgemäß wird es einige Zeit dauern, bis alle mitbekommen haben, dass der Boulevard umgezogen ist.