Theater

Erwachsene Teletubbies an der Volksbühne

Susanne Kennedy inszeniert an der Volksbühne „Selbstmord-Schwestern“ – sehr frei nach dem Roman von Jeffrey Eugenides

Foto: Volksbühne / david baltzer / david baltzer

Der Zuschauer hat die Wahl. Es gibt zwei Möglichkeiten, sich auf diese „Selbstmord-Schwestern“ einzulassen: unmittelbar oder nach Lektüre des Programmzettels, der – und das unterscheidet die neue Volksbühne von der alten – sich sehr konkret mit der Inszenierung befasst. Doch dazu später.

Ganz neu ist diese Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen nicht, Volksbühnen-Hausregisseurin Susanne Kennedy hat sie bereits vor einem Jahr in der bayerischen Hauptstadt präsentiert und verzichtete möglicherweise deshalb an diesem Berliner Premierenabend darauf, beim freundlichen Schlussapplaus auf die Bühne zu kommen. Ebenso wie der Rest des Teams.

Wir unterstellen mal, dass das nichts mit den Gegendemonstranten zu tun hat: zwei mit „Tschüss Chris“-Plakaten (in der stilprägenden alten Volksbühnen-Frakturschrift) beklebte Pkw stehen vor dem Theater des umstrittenen Intendanten Chris Dercon. Ein Autofenster ist heruntergekurbelt, eine Person mit einer Maske winkt zum Eingang – und sorgt später für ein Déjà-vu, denn die Figuren auf der Bühne sehen ähnlich aus.

Einer Bühne, die staunend macht. Eine Art knallbunter Schrein im Stile eines multimedial-bespielbaren Triptychons, es flackert und blinkt und auf den Bildschirmen laufen Youtube-Videos von jungen Mädchen, die dort Dinge präsentieren, die ihnen wichtig sind – ein lockerer Verweis auf die Welt der fünf Lisbon-Schwestern, die sich im Alter zwischen 13 und 17 Jahren umbringen. Auf dem Altar liegt eine nackte Frau, später wird jemand ihre Bauchdecke anheben – und wieder zuklappen, ohne sich an den Organen zu vergreifen. Puppen – mit opulentem Blumenkopfschmuck – stehen auch beidseits am Rande dieser Bühneninstallation von Lena Newton, die darauf verweist, dass es in der neuen Volksbühne ästhetisch weg vom Schauspiel und hin zur bildenden Kunst geht.

Kostümbildnerin Teresa Vergho nimmt das florale Motiv in den Perücken der vier mit weißen Nachthemden und unterschiedlich farbigen Strumpfhosen und entsprechenden Handschuhen eingepackten, maskierten Bühnenfiguren auf, die ein bisschen an erwachsen gewordene Teletubbies erinnern.

Sie scheinen zu reden, aber die maschinenverzerrten und nicht immer deutlich zu verstehenden Stimmen könnten auch vom Band kommen – diese an Beckett erinnernde Reduktion der schauspielerischen Ausdrucksmöglichkeiten ist ja ein Stilprinzip der Regisseurin Susanne Kennedy, die sich bei den „Selbstmord-Schwestern“ vom gleichnamigen Roman des amerikanischen Schriftstellers Jeffrey Eugenides inspirieren ließ. Der Schauwert der Inszenierung ist hoch, der Erkenntniswert mäßig.

Wählt man den zweiten Weg und informiert sich vorab, erfährt man, dass Kennedy „kosmisches Theater“ macht, sich aufs Tibetanische Totenbuch bezieht, und der „Drogen-Philosoph“ Timothy Leary dem animierten Reiseleiter-Guru die Worte leiht. Schau- und Erkenntniswert verschieben sich entsprechend.

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