Uraufführung

Diesseits und jenseits der Mauer

Vier Autoren, ein starker Abend: Die Uraufführung „#BerlinBerlin“ im Theater Strahl hat das Zeug zum Kultstück.

Ingo (Justus Verdenhalven, 2.v.l.) und seine Kumpels Jürgen (Oliver Moritz) und Micha (Raphael Zari, r.) mit Andrea (Beate Fischer) am Tag der Maueröffnung in „#Berlin Berlin“

Ingo (Justus Verdenhalven, 2.v.l.) und seine Kumpels Jürgen (Oliver Moritz) und Micha (Raphael Zari, r.) mit Andrea (Beate Fischer) am Tag der Maueröffnung in „#Berlin Berlin“

Foto: Jörg Metzner / © Jörg Metzner

Berlin. Dagmar steht mit ihrem Säugling Ingo im Arm im Krankenhaus. Sie wartet auf ihren Mann. Doch Klaus kommt nicht. Er bleibt in West-Berlin, weil er dort seine Arbeit hat, die Familie aber lebt im Ostteil. Und am 13. August 1961, Ingos Geburtstag, ist plötzlich Schluss mit der innerstädtischen Reisefreiheit. Die Regierung der DDR macht die Grenze dicht, der „antifaschistische Schutzwall“, so die offizielle Sprachregelung, wird errichtet.

Klaus bleibt im Westen, taucht dort gewissermaßen unter und gründet eine neue Familie. Raphael Zari spielt ihn als durchaus sympathischen, aber ziemlich konservativen Menschen, der die Kommunisten hasst und sich von seiner neuen Frau wünscht, dass sie sich lieber um die Kinder kümmert, als arbeiten zu gehen. Die Tochter meldet er von dem Kinderladen ab, weil dort antiautoritär erzogen wird. Sein Sohn Ingo wächst derweil vaterlos bei der Mutter auf, Onkel Dietmar kümmert sich und auch Oma Gertrud. Erst bei der Beerdigung der Großmutter wenige Jahre vor dem Mauerfall erfährt Ingo, dass sein Vater lebt und er sogar zwei Halbschwestern in West-Berlin hat.

Mit schnellen Szenenwechseln werden die beiden Lebenswelten im Theater Strahl gegeneinandergeschnitten. Kleine Mauersegmente stehen im Zentrum des ebenso einfachen wie genialen Bühnenbildes von Fred Pommerhen – und ein nahezu originalgroßes mit einem Suchscheinwerfer im Hintergrund. Die sechs Schauspieler, die alle mehrere Rollen übernehmen und auch für die jeweils zeittypische Live-Musik sorgen, arrangieren die einzelnen Mauerteile immer wieder neu. Mal dienen sie als Sitzgruppe, mal als Grabstein auf dem Friedhof, mal als Menschenmassen beim im Osten unvergessenen Bruce-Springsteen-Konzert („Born in the USA“) 1988 in Weißensee.

Am Dienstagabend hatte die Uraufführung „#BerlinBerlin“ im Theater Strahl in der Spielstätte Halle Ostkreuz Premiere. Nach Angaben der Bühne das erste Stück für ein junges Publikum (ab 14), das sich mit der Berliner Mauer beschäftigt. Entstanden in einem kollektiven Schreibprozess, gespeist von Ost- und West- sowie Nachwendeerfahrungen: Sina Ahlers, Uta Bierbaum, Günter Jankowiak und Jörg Steinberg, der „#BerlinBerlin“ auch inszeniert hat, haben die pointierten Dialoge verfasst.

Und das bestens aufgelegte Ensemble um Beate Fischer, Josephine Lange, Oliver Moritz, Sarah Schulze Tenberge und Justus Verdenhalven sorgt dafür, dass die gut zwei Stunden wie im Flug vergehen. Für Schulklassen ein lustvolles Muss, aber auch unbedingt empfehlenswert für Familien, wobei die Großeltern mitkommen sollten, um hinterher zu erzählen, wie sie die Mauerzeit empfunden haben. Dem Theater Strahl ist mit „#BerlinBerlin“ nichts Geringeres als eine Fortschreibung der legendären „Linie 1“ gelungen. Diese Inszenierung hat das Zeug zum Kultstück.

Theater Strahl, Spielort: Halle Ostkreuz, Marktstraße 9–12, Lichtenberg. Karten: 695 99 222. Termine für Abendvorstellungen: 11. und 13. April, 19.30 Uhr.

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