Ausstellung in Berlin

"Oh Yeah!" Wie Popmusik Deutschland verändert hat

Das Museum für Kommunikation zeigt eine multimediale Ausstellung über 90 Jahre kommerziell erfolgreiche Musik in Deutschland.

Der Begriff der Popmusik wird in dieser Ausstellung weit gefasst

Der Begriff der Popmusik wird in dieser Ausstellung weit gefasst

Foto: MFK

Wie bekommt man die Comedian Harmonists und Nena, Caterina Valente und Kraftwerk, Jürgen Drews und Rammstein unter einen Hut? Was haben Peter Alexander und die Einstürzenden Neubauten gemeinsam? Nicht viel. Doch sie alle stehen im weitesten Sinne für Popmusik. Und sie alle lieferten ihren ganz speziellen Soundtrack zur Zeitgeschichte. Das Museum für Kommunikation versucht jetzt in der multimedialen Ausstellung „Oh Yeah!“ rund 90 Jahre kommerziell erfolgreicher Musik in Deutschland in all ihrer Vielfalt zu dokumentieren. Und fördert erhellendes, kurioses und stellenweise auch zu Recht Vergessenes zutage.

Popmusik ist das Surrogat unterschiedlichster Lebenswelten und Subkulturen. Sie ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich der Massengeschmack einigen kann. Und sie ist emotionaler Begleiter in verschiedenen Lebensphasen. Popkultur ist immer auch Erinnerungskultur, und jeder wird in dieser Ausstellung seinen ganz persönlichen Moment wiederfinden. Premiere feierte die chronologisch aufgebaute Schau im Bremer Focke-Museum, nach einem Gastspiel in Frankfurt/M. ist sie in Berlin angekommen.

Von der Jetztzeit bis ins Berlin der Weimarer Republik

Kurator Jan Christoph Greim hat einen zeitlichen Ablauf gewählt, der von der Jetztzeit bis ins Berlin der Weimarer Republik führt. Chronologie ist aber keine Bedingung. Der Besucher kann nach Lust und Laune wunderbar zwischen den einzelnen Pop-Perioden hin und her springen und sich dem, was ihm am meisten am Herzen liegt, ausgiebiger widmen.

Per Kopfhörer kann man sich in Soundpilze und Klangkugeln einklinken, um Lieder, Filmausschnitte und Musikvideos zu erleben. Zu jeder Epoche gibt es kurze erklärende Features von Radiomoderator Wolfgang Rumpf. Herzstück ist die in einzelne Kapitel aufgeteilte „Mainroad“ mit informativen Schrift- und Bildtafeln, angereichert mit diversen Pop-Devotionalien. Links und rechts davon finden sich „Sound-Lounges“, um sich in Ruhe der Musik zu widmen und ein „Backstage“-Bereich mit Plattencovern, Filmplakaten oder frühen Titelseiten der Popzeitschrift „Bravo“.

Auch eine Abteilung mit selbst gebastelten CD-Covern gibt es, Nachfolger der um vieles beliebteren Mixtapes der 70er-Jahre. Die Schau ist ein großes Sammelsurium, in dem man stöbern und staunen kann wie auf einem Flohmarkt der Popgeschichte. Wobei die Abteilung der 2000er-Jahre, in der sich das Musikhören vor allem auf Online-Streaming beschränkt, durch eine Multimediawand mit diversen aktuellen Musikvideos dargestellt wird.

Die Auswahl ist auf komprimierte Weise oberflächlich. Die 90er-Jahre stehen unter dem Motto „Neues Deutschland“ und widmen sich unter anderen den Prinzen, Jürgen Drews und dem Eurodance am Beispiel von Mister President, illustriert durch Bühnenkostüme von Prinz Sebastian Krumbiegel und Mr.-President-Tänzerin Judith Hildebrandt.

Die Abteilung „Deutsche Poesie“ widmet sich Deutsch-Rappern wie den Fantastischen Vier, Blumentopf oder den DDR-Hip-Hoppern Electric Beat Crew. Die „Rock für den Frieden“-Reihe im Palast der Republik gibt ebenso ein Thema her wie Punk in DDR und Bundesrepublik. Ton, Steine Scherben um Rio Reiser wird ebenso gehuldigt wie der elektronischen Musik von Stockhausen bis Kraftwerk, dem Beat der 60er-Jahre oder, ja, sehr ausführlich, dem „Happy-Sound“ von Orchesterchef James Last. Die Mischung ist durchaus mutig und bar jeder geschmäcklerischen Einordnung.

„Dildo-Koffer“ aus dem Merchandise-Angebot von Rammstein

Rund 200 Exponate werden gezeigt, darunter sogenannte Buffaloschuhe von 1990, die zur Love-Parade populär waren. Oder die Original Bassspiralfeder der Einstürzenden Neubauten. Oder auch der „Dildo-Koffer“ aus dem Merchandise-Angebot von Rammstein. Man sieht einen der Seesäcke, die Elvis Presley während seiner Armeezeit in Deutschland nutzte. Eine Framus-Gitarre von Peter Kraus. Den Bühnen-Jumpsuit eines Elvis-Imitators.

Die Reise führt über Peter Kraus und Ted Herold in die heile deutsche Nachkriegswelt mit Caterina Valente, Peter Alexander oder Vico Torriani, in düstere Kriegszeiten mit rebellischen Swing Kids bis ins Berlin der „goldenen 20er-Jahre“. Nicht zu vergessen die Antwort der DDR auf Cha Cha Cha und Twist: auch dem Modetanz Lipsi wird eine eigene Koje gewidmet, beschallt durch Helga Brauers „Heute tanzen alle jungen Leute“.

Ein großer Bogen wird da geschlagen, mit gewagten Sprüngen und zweckdienlichen Abkürzungen. Da bleibt wenig Raum für Tiefe, vieles lässt sich nur anreißen, doch bekommt der Besucher reichlich Anstöße, sich an seine eigene musikalische Sozialisation zu erinnern. Die Ausstellung mit hohem Spaßfaktor und einem breit gefächerten Begleitprogramm diverser Veranstaltungen ist ein großer medialer Abenteuerspielplatz mit Mut zur Lücke.

Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, Mitte, Tel. 202 94 0, Di. 9-20 Uhr, Mi.-Fr. 9-17 Uhr, Sa./So. 10-18 Uhr, bis 16. September