Staatlichen Museen zu Berlin

Max Beckmann ist zurück in Berlin

Die Staatlichen Museen zu Berlin erhalten ein Vermächtnis mit Werken des Künstlers. Das Geschenk verpflichtet auch zur Nachforschung.

Max Beckmanns düsteres „Selbstbildnis in der Bar“ von 1942 gehört zu den Werken, die den Staatlichen Museen zu Berlin vermacht wurden

Max Beckmanns düsteres „Selbstbildnis in der Bar“ von 1942 gehört zu den Werken, die den Staatlichen Museen zu Berlin vermacht wurden

Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Andres Kilger

Berlin. Alles musste ganz schnell gehen, erklärt Petra Winter den anwesenden Journalisten: In dem von ihr geleiteten Zentralarchiv der Staatlichen Museen habe es bislang nur einen ersten „Kurzcheck“ gegeben. Ergebnis: erst einmal kein Verdacht. Das Geschenk habe die Beteiligten „völlig überrascht und unvorbereitet“ ereilt, sagt auch Generaldirektor Michael Eissenhauer. Er sehe die Blätter jetzt auch zum ersten Mal, erklärt Holm Bevers, Kommissarischer Direktor des Kupferstichkabinetts. Große Aufregung auf dem Podium bei der Pressekonferenz am Dienstag, große Freude auch, und am Ende große Diskussion.

Was ist passiert? Es war der letzte Wille Barbara Göpels, einer 1922 geborenen und im September gestorbenen Kunsthistorikerin und Max-Beckmann-Forscherin, den Staatlichen Museen zu Berlin ein Konvolut aus zwei Gemälden, 46 Zeichnungen und 52 druckgrafischen Werken des Malers, Grafikers und Bildhauers Max Beckmann (1884–1950) sowie einem Gemälde seines Zeitgenossen Hans Purrmann (1880–1966) für die Sammlungen der Nationalgalerie und des Kupferstichkabinetts zu vermachen.

Was die Sache heikel macht: Barbara Göpel erbte die Werke 1966 von ihrem Mann, dem 1906 geborenen Kunsthistoriker Erhard Göpel. Dieser aber sei „einer der übelsten Kunsträuber Hitlers“ gewesen, schrieb kürzlich die „Süddeutsche Zeitung“. Stimmt das? Wie kann das sein? Schützte er nicht seinen als „entartet“ diffamierten Freund Max Beckmann?

Zeichnungen decken fast die gesamte Schaffenszeit ab

Die Schenkung ist zunächst einmal sensationell, schließt Beckmanns düsteres „Selbstbildnis in der Bar“ von 1942 doch eine schmerzliche Lücke in der Beckmann-Sammlung der Nationalgalerie: Sein „Selbstbildnis im Smoking“ von 1927 wurde einst als „entartet“ aus dem Bestand entfernt und hängt heute, legal erworben, im Busch-Reisinger-Museum in Cambridge. Seitdem besaß die Nationalgalerie kein Selbstporträt des Expressionisten mehr. Bis jetzt. Jahrzehntelang hing das Gemälde im Arbeitszimmer der alten Dame. „Wenn man bei ihr Tee trank“, erzählt ihr Freund und Vertrauter Eugen Blume, „geschah das immer unter dem strengen Blick Beckmanns.“ Das Vermächtnis war nur möglich, weil Blume, bis 2016 langjähriger Leiter des Hamburger Bahnhofs, „als guter Geist über der Schenkung schwebte“, wie Eissenhauer es blumig formulierte.

Nur sechs Zeichnungen Beckmanns befanden sich bislang im Besitz des Kupferstichkabinetts, jetzt kamen auf einen Schlag gleich 46 hinzu, einige sind nicht einmal der Fachwelt bekannt. Das Spektrum der Arbeiten reicht von den Anfangsjahren als Student von 1901 bis ins letzte Jahr seines Exils in Amsterdam. Sie decken also fast seine gesamte Schaffenszeit ab, darunter Skizzen während seines Sanitätsdienstes im Ersten Weltkrieg oder ein erotisches Doppelporträt des Malers mit seiner Frau. Das darf, das muss man zeigen, aber eben nicht mit Besitzerstolz, sondern im Rahmen einer kritischen Selbstbefragung.

Wenn die Schenkung in einer gemeinsamen Schau präsentiert wird, wobei auch die Biografie Erhard Göpels reflektiert werden soll, verspricht sich Kittelmann davon auch eine Signalwirkung an andere Museen in Deutschland: „Kunst ist Bestandteil der Zeitgeschichte“, sagte er, deshalb dürften die großen Namen und Werke „nicht mehr nur entlang der Ästhetikgeschichte“ gezeigt werden.

Provenienzforschung, also die Frage nach der Herkunftsgeschichte eines Kunstwerks, ist ein noch relativ neues Forschungsfeld, das seit 1998, als unter anderem Deutschland die „Washingtoner Erklärung“ unterzeichnete, dafür sorgen soll, dass Museen sehr genau hinsehen, bevor sie ein Werk ankaufen, das vielleicht Raubkunst sein könnte. Plötzliche Schenkungen wie diese bedeuten da fast schon Stress. Mit dem Zauberwort der „Ambivalenz“ kommt man da jedenfalls oft nicht weit, auch wenn Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie, Beckmanns „Bildnis Erhard Göpel“ von 1944 als Beleg dafür nennt, „dass es im Nationalsozialismus nicht nur Schwarz und Weiß, sondern zahllose Graustufen gab“.

Eugen Blume zeigte sich als Fürsprecher einer peniblen Erforschung der Rolle Erhard Göpels besonders während seiner Arbeit für den „Sonderauftrag Linz“, der darin bestand, Kunst für das „Führermuseum“ zusammenzukaufen. Hat er, wie Blume sagt, Juden gerettet, indem er zum Beispiel Deportationstermine immer wieder verschieben ließ? Oder hat er, wie etwa Petra Winter fragt, nicht doch eher die Notsituation vieler Juden ausgenutzt, indem er Preise drückte?

Barbara Göpel habe, so Blume, verärgert über eine ihrer Meinung nach „tendenziöse“ Berichterstattung über die Rolle ihres Mannes in Linz eine Sperrung über dessen schriftlichen Nachlass verfügt. Doch Blume sagte auch, dass er mit dem Nachlassverwalter einig darin sei, diese Sperrung nicht weiter aufrechtzuerhalten, da es sich um „sehr gutes Forschungsmaterial“ handle. Er selbst wisse freilich nicht, zu welchem Ergebnis die Forschung kommen werde. Eine Journalistin will wissen, ob die Briefe nicht jetzt schon zugänglich seien. „Es liegt ja alles noch in der Wohnung der Verstorbenen“, so Blume. Das Auflösen eines Nachlasses sei ein kompliziertes juristisches Verfahren, und man werde die Presse nicht in die Wohnung Göpels einladen. Dorthin also, wo Beckmann so lange traurig seine Zigarre rauchte und sein Freund Erhard auf einem Sessel saß, mit krampfig übereinandergeschlagenen Beinen und schiefen Schultern, als wäre ihm seine Lage sehr unbequem.

Erstmals gezeigt werden die Werke ab September 2018 in einer Sonderschau von Nationalgalerie und Kupferstichkabinett am Kulturforum.

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