Kultur

Seitensprünge mit perfekt sitzenden Pointen

Wie viel Wahrheit verträgt die Liebe? Dieser Frage geht das neue Stück im Schlosspark Theater nach

Aus den zerwühlten Laken schält sich ein nackter Männerpo. Die Frau sitzt noch im Hotelbett, rückt die bis eben noch blanken Brüste sorgfältig im knallroten BH zurecht. Er muss sich beeilen, ein Termin drängt. Was hier in ungewohnter Freizügigkeit auf der Bühne des Schlosspark Theaters in Steglitz zu sehen ist, ist genau das, wonach es aussieht: Ein Seitensprung. Michel und Alice haben eine Affäre. Seit sechs Monaten schon. Pikant wird die Sache dadurch, dass Alice die Frau von Michels bestem Freund Paul ist.

Um Moral geht es in dem vom französischen Erfolgsautor Florian Zeller geschriebenen Stück aber gar nicht. Seitensprünge kommen vor, das stellt Zeller weder infrage noch bewertet er es. Sein Stück heißt „Die Wahrheit“. Der Untertitel „Von den Vorteilen, sie zu verschweigen, und den Nachteilen, sie zu sagen“ verrät Zellers Fragestellung: Wie viel Wahrheit verträgt die Liebe?

Michel jedenfalls findet, dass die Lüge, aus Respekt vorm anderen, sehr wohl dazu beiträgt, Leiden zu vermeiden, und versucht, auch seine Geliebte davon zu überzeugen: „Wenn die Leute von heute auf morgen aufhören würden, sich zu belügen, gäbe es kein einziges Paar mehr auf Erden.“ Alice aber hat ein schlechtes Gewissen. Später gesteht sie ihm, dass sie ihrem Mann tatsächlich den Betrug gebeichtet hat. Und bei der Gelegenheit kommen gleich noch ein paar weitere Wahrheiten auf den Tisch, von denen Michel nun allerdings doch lieber vorher etwas gewusst hätte. Wie der Betrüger hier zum Reingelegten wird, das hat Florian Zeller in seinem Stück sehr elegant und raffiniert konstruiert. Und Regisseur Folke Braband hat genau die richtigen Darsteller gefunden, um dieses dialogstarke Kammerspiel auf die Bühne zu bringen, die aus mehreren auf die Drehbühne gebauten eleganten, modernen Wohn- und Lebensräumen besteht. Bei Michael von Au ist Michel zunächst ganz der charmante Betrüger, der sich von Szene zu Szene zum vermeintlich Gehörnten und schließlich zum Empörten wandelt, zu einem, dem nach und nach alle Gewissheiten flöten gehen, und der seine Bewertungsmaßstäbe permanent neu justiert. Die Paradoxien, die das Stück anbietet, spielt er mit dosierter Begriffsstutzigkeit umwerfend komisch aus. Zwischen ihm und Katharine Mehrlings zunächst energiegeladener, später dann kühl-kontrollierter Alice knistert es gewaltig. Zwischen ihm und Alices Gatten Paul, den Oliver Dupont mit stoischer Sortiertheit spielt, kracht es ordentlich. Und bei seiner Frau Laurence, gespielt von Katharina Abt, kriecht er zu Kreuze, doch die will so viel Wahrheit gar nicht wissen und nimmt es wahrscheinlich selbst auch nicht so genau damit.

Ein extrem gut aufeinander eingespieltes Quartett pfeffert sich hier perfekt getimt die Pointen um die Ohren, sodass man bei jeder neu ausgelegten Fährte sofort bereit ist, mit abzubiegen. Denn das Tolle ist: Als Zuschauer ist man nie schlauer als die Akteure und schlittert bereitwillig mit ihnen durch die Finten. Das macht in dieser Konstellation einen Riesenspaß. Und die Wahrheit? Sie kommt an diesem Abend natürlich nicht heraus, aber höchstwahrscheinlich ist sie eh überbewertet.

Schlosspark Theater, Schloßstraße 48.
Telefon: 789 56 67 100. Nächste Termine:
12. und 13. März, je 20 Uhr.