Kultur

„Es gibt Wichtigeres als die Bühne“

Peter Lohmeyer verwandelt sich in der letzten Premiere im Theater am Kudamm in den „Entertainer“

Die Bühne ist für ihn wie ein Fußballplatz. Im Scheinwerferlicht und auf dem Rasen kann er jede Position spielen, sagt er. Und wenn er ein Engagement am Theater hat, egal wo, in Salzburg oder in Bochum, München oder so wie jetzt in Berlin, die Fußballschuhe hat er immer mit dabei. Ohne geht nicht. Wenn Peter Lohmeyer übers Schauspielen redet, dann redet er immer auch ein bisschen über Fußball. Dass man manchmal Vertrauen in Stücke, Filme und Intendanten haben müsse wie in Spieler auf dem Platz.

Dass man geduldig sein müsse mit ihnen und sie nicht sofort absetzen solle, wenn die ersten Ergebnisse einen nicht zufrieden stimmen. Und, indirekt, dass er das eine braucht und das andere auch. Ab dem heutigen Freitag steht Lohmeyer im Stück „Der Entertainer“ im Theater am Kurfürstendamm auf der Bühne. Ganz allein, ohne Mannschaft. Er muss alle Positionen auf der Bühne bespielen. Torhüter, Verteidiger, Stürmer zugleich sein. „Ich weiß schon jetzt, dass die Leute Spaß haben werden“, sagt er. „Ich lasse sie nicht los.“

Seine Rolle legt er mit dem Kostüm in der Garderobe ab

Lohmeyer spielt den titelstiftenden Entertainer Archie Rice, einen Spieler, der das Rampenlicht und die Aufmerksamkeit inhaliert wie ein Kettenraucher seine erste Zigarette nach einem 12-Stunden-Flug. Dabei vergisst er alles andere, die eigene Familie, das Glück, sich selbst wohl auch. Obwohl das Schauspielerdasein Lohmeyer und seine Figur verbindet, gibt es nicht viele Parallelen zwischen den beiden. „Archie Rice ist abgefuckter als ich“, sagt Lohmeyer. Der habe kein Lampenfieber – so wie Lohmeyer – der brauche diesen Moment im Scheinwerferlicht. „Das widerspricht mir eher.“ Dass die Welt von Rice zusammenbricht, das merkt er erst, als es zu spät ist. Er hat einfach vergessen, dass es da noch eine Welt gibt außerhalb des Theaters. Das kann Lohmeyer nicht so schnell passieren. „Die Welt hört ja nicht auf, während man auf der Bühne steht“, sagt er und streicht über seinen schwarzen Anzug, den er auf der Bühne trägt.

Lohmeyer weiß das. Er hat vier Kinder. Käme er mit der Egomanie von Rice nach Hause, mit dessen Geltungsbedürfnis und Allüren, würden ihm seine Kinder wohl den Kopf zurechtrücken. Das war aber nie nötig. „Ich habe gelernt, dass es Wichtigeres gibt als die Bühne“, sagt er leise. Familie, Freunde und, klar, den Fußball. „Auch wenn ich mich voll auf den Job eingelassen habe, wusste ich immer, dass er nicht alles für mich sein kann, nie sein wird“, sagt er. Wer Lohmeyers Leben vor der Kamera und auf der Bühne verfolgt hat, den wird das wundern.

Er hat in über 70 Filmen gespielt und in Sönke Wortmanns „Das Wunder von Bern“ den populärsten Fallrückzieher des Kinos geschafft, dazu kamen Rollen in TV-Serien und einige Theaterstücke, neuerdings sogar zwei Opern. Viel Zeit für andere Dinge kann kaum geblieben sein. Für Lohmeyer schon. Er sei kein 24-Stunden-Schauspieler. Schreckliche Proben vergisst er schnell, seine Rolle legt er mit dem Kostüm in der Garderobe ab. Da bleibt noch viel Restzeit zum Leben übrig. Zum Malen mit Ölkreide, ein neues Hobby, zum Lesen, und für den Fußball – natürlich.

Eine Parallele gibt es dann aber doch zwischen dem „Entertainer“ und ihm, räumt Lohmeyer ein: Es habe auch ihm immer Spaß gemacht, zu lügen. Oder wie seine Mutter immer gesagt hat: andere aufs Glatteis zu führen. „Leute in Aufregung zu versetzen, Leute wach zu kriegen, das spornt mich an. Je größer die Aufmerksamkeit, desto mehr Spaß macht das“, sagt er und grinst. Vielleicht war das der Grund, warum er sich damals, 1982, so für die Schauspielausbildung interessiert hat.

Vielleicht hat er daher auch gleich zugesagt, von Hamburg nach Berlin zu kommen, als ihm die Rolle hier angeboten wurde. Weil er die Zuschauer mit einem Monolog wach kriegen muss, und weil das auch für einen versierten Schauspieler eine ziemliche Herausforderung ist. Im Theater am Kurfürstendamm nochmal mehr, muss Lohmeyer da zwar nicht mit anderen Schauspielern interagieren, dafür aber mit deren Hologrammen. Denn in dem Stück wird Harald Juhnke wieder lebendig, die virtuelle Anke Engelke wird auf der Bühne zu sehen sein und Werner Rehm. Was sich ziemlich abenteuerlich anhört, ist es auch. Ob das auf der Bühne aufgeht, die sprechenden und singenden Hologramme, das wird man sehen. „Wir wissen auch noch nicht, wie es wird, es ist ein Experiment. Aber wenn ich etwas liebe, dann genau das: Dinge ausprobieren.“

Diese Premiere wird die letzte an den Kudamm-Bühnen sein, bevor die Abrissbirne anrollt und die Bühnen erst mal ins Schiller-Theater umziehen. Dass das passiert, finde er schrecklich, sagt Lohmeyer. Es war ein Grund, warum er in dem Stück mitspielen wollte. Das, und weil er hier seit sechs Jahren nicht mehr auf der Bühne stand. Bloß die Sache mit dem Fußball klappt in Berlin noch nicht. Zu schlechtes Wetter, zu viel Kunstrasen. „Ich brauche frisches Gras unterm Schuh“, sagt Lohmeyer und lacht. Er will sich aber nochmal nach einem Platz und einer Truppe umhören. Er muss ja irgendwo kicken bis Mai.

Theater am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 206. Termine: 9.3. (Premiere),
10.3., 20 Uhr; 11.3., 18 Uhr