Kultur

Der Börsencrash 2029

Bargeld ohne Wert: Lionel Shriver erzählt in ihrem Roman über eine Wirtschaftskrise, die das Leben einer Familie komplett verändert

Die Familie ist die einzige soziale Einheit, die alles übersteht. So zumindest lässt sich Lionel Shrivers Roman „Eine amerikanische Familie“ verstehen, der in der Zukunft ab 2027 spielt und wenig Hoffnungsvolles verspricht. Die USA sind darin am Ende, gescheitert als Welt- und Supermacht, als Land des Wohlstands, als Traum, und es war – das mag jetzt überraschen – nicht einmal Donald Trumps Schuld. Konnte es auch gar nicht sein, denn Shrivers Roman wurde 2014 beendet und 2016 in den USA erstmals veröffentlicht. Er ist eine Art alternatives Angstszenario, das tiefe Einblicke in US-amerikanische Befindlichkeiten gibt.

Erzählt wird die Geschichte der Mandibles, einer Vier-Generationen-Dynastie mit zunächst vererbbarem Wohlstand seitens Douglas Mandibles, der mit seiner dementen zweiten Ehefrau in einem komfortablen Altenwohnheim logiert. Hauptfigur wird dessen dreizehnjähriger Urenkel Willing, der mit Mutter Florence und ihrem Lebensgefährten Esteban in sehr bescheidenen Verhältnissen lebt. Florence hat ein nutzloses Studium absolviert und arbeitet nun in einem Obdachlosenasyl, ein scheinbar krisensicherer Job in Zeiten von Klimawandel und Robotisierung. Schwester Avery hat einen Ökonomieprofessor geheiratet und ist ein Snob, Bruder Jarred lebt auf einer Farm.

Die Mega-Krise setzt 2029 ein. An den Börsen stürzt der Dollar ab und soll als Reservewährung ersetzt werden, die Staatsverschuldung steigt ins Uferlose. US-Präsident Alvarado verkündet auf Spanisch einen Schuldenschnitt, enteignet alle Goldbesitzer und verbietet Dollar-Ausfuhren. Die Wirtschaft kollabiert, Staatsanleihen sind wertlos, Gold wird eingezogen, Bargeld wird von Inflation vernichtet, selbst Immobilienbesitz wird im Moment des Staatsversagens nutzlos. Jede Strategie zur persönlichen Vorsorge ist gescheitert, alle verlieren alles. Shriver hat sich um ungewöhnlich tiefgehende wirtschaftliche Details bemüht, was sich vor allem in Diskussionen zwischen Willing und seinem theorieverblendeten Professorenonkel zeigt.

Die Katastrophe wird erst im Alltag fassbar. Douglas und seine Frau werden aus dem Altenheim geworfen, Sohn Charles verliert Job und Haus, Tochter Enola kommt wegen Antiamerikanismus aus Frankreich zurück, Enkel und Urenkel, sie alle landen schließlich bei Florence, wo selbst Klopapier zur Mangelware wird und der Weg in die Obdachlosigkeit unabwendbar scheint.

Willing wird der emotionslose, kluge Held. Bereits früh gibt der Teenager seinen Hund ab, um ihn zu retten, er weiß, wo es lang geht, wenn andere noch sentimental im Gestern leben. Die Mandibles werden mit Diebstahl, Prostitution, Mord und Selbstmord überleben, nur um 2047 vor einer Präsidentin Chelsea Clinton mit ihrer neuen Super-Überwachungs-Steuerbehörde in den abgespaltenen „freien“ Staat Nevada zu fliehen. Hier zeigt sich in Anlehnung an Ayn Rands Roman „Atlas Shrugged“ Shrivers libertäre Grundhaltung, für die sie sich unter dem Motto „Ich bin keine Verrückte“ schon mal in der New York Times ausdrücklich verteidigt hat. Denn die Autorin, Jahrgang 1957, die mit dem Roman „Wir müssen über Kevin reden“ berühmt geworden ist, ist für einen weitgehenden Rückzug des Staates, auch wenn sie die Notwendigkeit von Waffengesetzen, Klimapolitik etc. prinzipiell anerkennt. Die Republikaner wählt sie wegen ihrer gesellschaftspolitischen Agenda, der Religiosität, ihrer Haltung gegen Abtreibung und sexueller Selbstbestimmung nicht. Trotzdem spielt sie durchaus auch auf dem Überfremdungsklavier. Zwar wird die an Trump erinnernde Mauer hier von Mexiko gegen US-Flüchtlinge gebaut, aber die USA sind vorher schon lateinamerikanisiert, Europa wird muslimisch unterdrückt, in Deutschland spricht man Türkisch.

Die an der Leine gehaltene Demenzkranke ist zudem die einzige Schwarze in dem Roman und die Waffe in Willings Hand wird dann doch zum zentralen Garant des Überlebens. Es ist ein schräger, sehr amerikanischer Roman, der langsam startet und immer düsterer wird.