Kultur

Fünf Schotten lassen es krachen

Ein Abend im Jungbrunnen: Franz Ferdinand stellt im Tempodrom das neue Album vor

Alex Kapranos legt die E-Gitarre an den Verstärker und verlässt die Bühne, eine fiepend-monotone Rückkopplung begleitet ihn vor dem Zugabenteil. Den Krach bis zur letzten Sekunde zu verlängern, bis über den eigenen Abgang hinaus, war eine Zeit lang Standardabgang von Noise-Rock-Bands und ist irgendwann in Vergessenheit geraten.

Der Sänger von Franz Ferdinand hat, wie er an diesem Mittwochabend im Tempodrom zeigt, ein paar Sachen für sich wiederentdeckt, die erledigt und verloren erschienen wie Testbild und Wählscheibe. Er breitet beim Durchschreiten der Bühne die Arme auseinander wie kein Zweiter im mittlerweile allerdings überschaubaren Garage-Rock-Zirkus. Er beherrscht den Pflichtsprung der Frontmänner aus den Hoch-Zeiten des Punks – ein Bein nach vorne ausgestreckt, das andere nach hinten oben abgewinkelt – makellos und beneidenswert ausdauernd. Mit 45 Jahren ist augenscheinlich noch viel möglich, wie seine auf den ersten und leider auch zweiten Blick problematische Entscheidung, das Haupthaar blond zu färben, zeigt.

Franz Ferdinand war im Gründungsjahr 2004 so ungemein cutting edge, dass sie sich zum bis Ende aller Tage von der Kritik werden fragen lassen müssen, ob sie jetzt noch zeitgemäß sind, ja, wie sie es wagen können, noch zu existieren? Für die „Faz“ klingt das neue Album „Always ascending“ schon „jetzt nach einer fremd gewordenen Vergangenheit“, die „taz“ hingegen hält es für ein „gelungenes, facettenreiches Indierock-Album“.

Mit dem Song „Always ascending“ beginnt der Abend, er ist eines dieser hymnischen, Franz-Ferdinand-typischen Und-jetzt-alle-mitsingen-Lieder, von denen man in einiger Zeit glauben wird, sie gehörten zum Anfangsmaterial der Band. Gleiches gilt für das ungemein melodiöse „The Academy Award“, das auf der Tour selten gespielt wird und auch in Berlin auf der Setlist fehlt.

Erstmals ist Gitarrist Nick McCarthy nicht auf der Bühne, der die Band 2016 verließ. Leicht scheint die Trennung nicht gefallen zu sein, Fragen nach dem Ex waren bei Interviews mit Alex Kapranos nicht gestattet, wie im „Musik­express“ zu lesen war, was ein guter Indikator dafür ist, dass der Abgang erstens schmerzhaft war und zweitens nicht verarbeitet ist. Die erweiterte Besetzung mit Keyboarder Julian Corrie und Gitarrist Dino Bardot kann das Fehlen des alten Kollegen im Tempodrom nicht ausgleichen. Nick McCarthy war der andere Derwisch auf der Bühne, die Rolle der Rampensau hat nun Alex Kapranos gesamtverantwortlich übernommen. Außerdem spricht Nick McCarthy ein wunderbares, zuweilen wundersames Deutsch, das auch dazu beitrug, dass Franz Ferdinands letzter Auftritt in Berlin, in der Volksbühne, unvergesslich und nahbar war.

Einen intimen Rahmen kann das Tempodrom nicht bieten, die Stimmung kommt über die Lautstärke. 90 Minuten schrammt sie an der Grenze der Übersteuerung. Das Konzert ist roh und krachig. Seit 2004 sind die Glasgower auf dem Markt und tun an diesem Abend so, als habe die Zeit seither stillgestanden und als sei Postpunk das neue heiße Ding. „Michael“, „This fire“ und „Do you want to“ sind neu arrangiert und deutlich brachialer als in den Studioversionen. Die Stimmung im Publikum ist ausgelassen, bei dem Überhit „Take me out“ schiebt sich das Dach für einige Momente nach oben. Wer da im Oberring noch sitzen bleibt, kann es nur auf ein Rückenleiden schieben.