Roman

In Monika Marons neuem Roman geht die Angst um

„Munin oder Chaos im Kopf“ - Eine Frau fürchtet den neuen Krieg ebenso wie den Gesang der Nachbarin.

Monika Maron

Monika Maron

Foto: imago stock / imago stock&people

Vor einigen Jahren veröffentlichte Monika Maron das Buch „Zwei Brüder“. Die Berliner Autorin versammelte ihre Essays und Reden über die Wiedervereinigung und ihr Unbehagen über Anspruchsdenken der Ostdeutschen. Die Autorin, Jahrgang 1941, kennt die DDR gut. Sie verließ das Land erst 1988. Sie habe den Untergang der DDR bejubelt und bejubele ihn noch immer, schreibt sie 1995: „Es gibt nichts, gar nichts, was ich von ihm erhalten möchte.“

Gut zwei Dekaden später nun schickt Monika Maron die Autorin Mina Wolf in ihrem neuen Roman „Munin oder Chaos im Kopf“ in die Gegenwart Berlins. Mina Wolf, eine Frau um die 50 Jahre, ist eine unterbeschäftigte Autorin mit überdurchschnittlichem Medienkonsum. Für sie nun gibt es einiges, was einst besser war. Früher hatte sie weniger Angst, früher gab es weniger Fremde. Heute fürchtet sie die „abweisenden Gesichter der kopftuchtragenden Frauen“, die Männer, denen sie auf dem Gehweg ausweichen müsse und selbst das Geschehen auf dem Kinderspielplatz ängstigt sie, denn dort gebe es „fast nur noch schwarzhaarige Kinder“ – und dann malt sie sich aus, „wie die Stadt aussehen würde, wenn sie alle erwachsen wären und selbst wieder Kinder hätte?“ Aus der Einwandererstadt West-Berlin kann Mina Wolf nicht stammen, da gehören kopftuchtragende Frauen seit den 70er-Jahren zum Stadtbild. Für sie sind Migranten nie Bereicherung und stets Zumutung, in den Nachrichten, die sie verfolgt, werden Christen enthauptet und kein einziges Flüchtlingsheim brennt.

„Sogar wenn sie nicht sang, störte sie mich“

Sie wohnt in einer kleinen Straße, man kennt sich in der Nachbarschaft vom gelegentlichen Grüßen. Ein herzlicher Mensch ist sie nicht. Sie hält Menschen auf Abstand. Sie beobachtet lieber, als im Mittelpunkt zu stehen.

Ein kurioser Streit in der Nachbarschaft verfolgt sie erst mit distanzierter Amüsiertheit, später spürt sie aufsteigenden Hass. Denn regelmäßig begibt sich an warmen Tagen eine korpulente Frau – „eine derbe Person von schwer schätzbarem Alter“ – auf den Balkon und beginnt zu singen. Da sie jedoch jeden Ton verfehlt („Jaulen und Kreischen“), wird dieses ohnehin problematische Verhalten zum öffentlichen Ärgernis. Wie bei Streitigkeiten in der Nachbarschaft üblich, so ist auch hier die Paranoia nicht weit entfernt. „Sogar wenn sie nicht sang, störte sie mich, weil ich dann darauf wartete, dass sie gleich singen würde, oder weil ich darüber nachdachte, warum sie jetzt gerade nicht sang.“

Die Tage verschläft sie bei geschlossenem Fenster

Die Diva, die nicht singen kann, ist nicht das einzige Missvergnügen in diesem Sommer. Mina Wolf schreibt einen Aufsatz über den Dreißigjährigen Krieg für eine westfälische Kleinstadt. Die gute Nachricht: Der Auftraggeber lässt sich sein tausendjähriges Jubiläum einiges kosten. Die schlechte Nachricht: Mina Wolf weiß praktisch nichts über diesen Krieg. „Ich war nicht zum ersten Mal gezwungen, mir in wenigen Wochen ein hochgestapeltes Expertentum anlesen zu müssen, um über ein Thema zu schreiben, von dem ich keine Ahnung hatte, jedenfalls nicht mehr als jeder andere oberflächlich gebildete Mensch.“

Ihr Tagesrhythmus passt sich den neuen Herausforderungen an: Sie arbeitet sich nachts durch die Gräueltaten des Dreißigjährigen Krieg, weil die Sängerin nur am Tage auf dem Balkon singt. Die Tage verschläft sie bei geschlossenem Fenster. Zuweilen schaltet sie die Nachrichten an. Auch dort nur Verrückte, die sich und andere in die Luft bomben. Sie lebt in einem Zwischenreich, und je länger sie sich mit der Entwicklung des Dreißigjährigen Krieges beschäftigt, desto deutlicher erkennt sie Parallelen zwischen einem Krieg, der 400 Jahre zurückliegt, und der heutigen Zeit.

Wie Warnblinklichter leuchten ihr von allen Seiten die Vorzeichen einer „Vorkriegszeit“ entgegen, da reicht selbst eine Zwischenzeile in einer Tageszeitung. Auch wenn Mina Wolf ihren politischen Ansichten selbst gelegentlich nicht traut und fürchtet, unter einer „Art historischer Paranoia“ zu leiden, so sie in allem Geschehen ein Zeichen eines bevorstehenden Krieges sieht: „Vielleicht faszinierte mich die Vorkriegszeit vor allem, weil sie sich bei unscharfer Betrachtung als grobe Vorlage für die Gegenwart darstellte, die ich täglich in den Zeitungen lesen konnte: Klimawandel, Wassermangel, Hunger, Verdoppelung der Bevölkerung in 50 oder sogar 30 Jahren, und die Religionen, natürlich die Religionen.“

Gespräche mit einem Vogel verdrängen die Einsamkeit

Widerspruch erfährt Mina Wolfs apokalyptischer Historizismus nicht, sie hat kaum Freunde, Gespräche mit einem Vogel verdrängen ihre Einsamkeit. Sie bekommt Besuch von einer einbeinigen Krähe. Ist sie zuerst eine schüchterne Balkonbekanntschaft, wird sie alsbald zuverlässige Besucherin. Mina Wolf nennt sie Munin.

Die Krähe kann sprechen, Monika Maron greift zu ihren bewährten Zutaten Tierliebe und Märchen. Ihr Büchlein „Krähengekrächz“, 2016 erschienen, war eine 60-seitige Hommage an die Rabenvögel, in ihrem vorherigen Roman „Zwischenspiel“ kann die einstige Weggefährtin Olga sprechen, obwohl doch gerade deren Beerdigung ansteht. Nur weil sie tot war, heißt es nicht, dass man sich nicht noch einiges zu sagen hätte. „Zwischenspiel“ war eine Reise in das Leben in der DDR, eine Geschichte über das Verlassen des Mannes, über Schuld, die nicht vergehen will, mit Leichtigkeit und Selbstironie erzählt. Bei „Munin oder Chaos im Kopf“ gelingt das Spielerische, das Leichte nicht.

Es ist ein hochpolitischer Roman in Zeiten, in denen die politischen Maßstäbe in Wort und Tat im Rutschen sind. Er lässt sich auch bei bestem Willen nicht unabhängig von den Überzeugungen der Autorin lesen. Marons Angst vor dem Islam ist die gleiche, die Mina Wolf empfindet. Und so ist das Urteil über den Roman auch immer vom eigenen Weltbild geprägt. Während die „Welt“ im Roman eine sich in „kunstvollen Assoziationskreisen ganz allmählich ein Stimmungsbild zur Lage der Nation“ entfalten sieht, bemängelt die „Neue Züricher Zeitung“, dass „manche Ansichten vor allem ein Ventil sind für die angestauten Meinungen der Autorin Monika Maron. Als Fundament eines gelungenen Romans ist das entschieden zu dürftig.“ Der Roman und seine Rezeption zeigt – und das ist das wirklich beängstigende –, wie weit die Beurteilung, was die Wirklichkeit in Deutschland ist, auseinandergegangen ist.