Kultur

Viel Wehmut vor, auf und hinter der Bühne

Letzte Premiere an der Kudamm-Komödie vor dem Umzug ins Schiller-Theater: „Die Niere“ mit Dominic Raacke

Für Arnold könnte es nicht besser laufen. Der Architekt hat ein neues Projekt unter Dach und Fach gebracht. Einen Turm mit 26 Stockwerken. In der schicken Dachgeschosswohnung steht ein Modell davon. Arg phallisch geraten, aber das ficht Arnold nicht an. Er fühlt sich jung, dynamisch. Ist aufgekratzt wie ein Teenie, der Party machen will. Doch dann kommt Ehefrau Kathrin heim und ruiniert die Stimmung. Sie braucht eine neue Niere. Besser jetzt als später. Arnold, der die gleiche Blutgruppe hat, windet sich zögernd. Ein liebender Ehemann sieht anders aus.

Die Uraufführung von Stefan Vogels Komödie „Die Niere“ ist die letzte Premiere an der von Max Reinhardt gegründeten Komödie am Kurfürstendamm. Es ist auch die letzte Regiearbeit von Hausherr Martin Woelffer, bevor das Theater ins Schiller-Theater umzieht, bis es 2021 an ein neues Haus am Kurfürstendamm zurückgeht. Viel Wehmut schwingt vor, auf und hinter der Bühne mit. Woelffer indes zeigt noch einmal mit der rundum gelungenen Inszenierung, was die Kudamm-Bühnen unter seiner Ägide so besonders macht: Doppelbödiges Boulevard-Theater, das bestens unterhält und sich traut, brisante aktuelle Themen anzupacken.

Wie das Thema Organspende. Denn darum dreht sich alles. Als die besten Freunde Götz und Diana erscheinen, wirbeln Paar- und Beziehungsdynamiken kräftig durcheinander. Götz (Romanus Fuhrmann), ebenfalls Blutgruppe A, will Kathrin nämlich sofort eine Niere spenden. Zum Unmut von Diana (Jana Klinge). Arnold hingegen fühlt sich durch das Angebot unter Druck gesetzt, will Götz ausbooten. Ein pointierter Hahnenkampf beginnt, frei nach dem olympischen und irgendwie auch sehr männlichem Motto größer, höher, weiter. Allerdings mit unfairen Mitteln.

Schnell merkt man, hinter der schönen Fassade des smarten Quartetts brodelt es gewaltig. Diana etwa hat eine Affäre mit Arnolds Partner. Dumm nur, dass Arnold und Kathrin dahinter kommen. Um das Geheimnis zu wahren und ihre Ehe zu retten, will Diana ihren Widerstand gegen Götz’ großzügige Spende aufgeben. Ein Organdeal der anderen Art. Bis die Konflikte offen ausbrechen, dauert es jedoch. Aber da die Vier wissen, wo es den anderen wehtut, können sie sich treffgenau in Screwball-Manier perfide Freundlichkeiten um die Ohren hauen.

Arnold erweist sich als Meister der Gemeinheit. In der Rolle des Architekten gibt der ehemalige Berliner „Tatort“-Kommissar Dominic Raacke sein Debüt an der Komödie. Und spielt seine ebenfalls fulminanten Kollegen locker an die Wand. Ihm gelingt schließlich das Kunststück, dem Kotzbrocken Arnold durchaus sympathische Züge zu verleihen. Man schließt ihn zwar nicht ins Herz, mag ihn aber trotzdem. Der Joker des Stücks ist freilich das vermeintliche Unschuldslamm Kathrin, von Katja Weitzenböck vordergründig heiter, aber stets eisern distanziert gespielt. Ihr Blatt besteht aus verdeckten Karten, die sie mit perfektem Timing zückt. Überraschende Knalleffekte inklusive. Ganz zum Schluss zieht sie einen Vorhang, der die alte Komödie mit fröhlichem Publikum zeigt. So frenetisch der Premieren-Applaus ist, mischt sich doch auch eine Portion Wehmut darunter. Wir werden die Komödie vermissen.

Komödie, Kurfürstendamm 209, Charlottenburg, Tel. 88 59 11 88. Bis 15.4., Di.–Sbd. 20 Uhr, So. 18 Uhr, außer 7.3. und 11.4. 16 Uhr

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