Kultur

Rituelles Welttheater rund um die letzten Fragen

Das Ensemble United spielt zum 70. Geburtstag des kanadischen Komponisten Claude Vivier im Konzerthaus

Im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses werden die Zuschauer durch den Schauspieler Max Hopp mit der Frage begrüßt: „Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele?“ Erstaunlich viele nicken verdutzt – wohl ob des spontanen Eindrucks, in Max Hopp den leibhaftigen Komponisten Claude Vivier vor sich zu haben. Wegen Vivier und des „heiligen Aktes“ um ihn sind sie zu diesem Konzert des Ensemble United Berlin unter Vladimir Jurowski gekommen.

Der Kanadier Claude Vivier starb 1983 unter rätselhaften Umständen in seiner Pariser Wohnung. „Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele“ hieß die unvollendete Partitur, die man neben dem Toten fand – seine letzte von zahlreichen Kompositionen, die sich in melodisch konzentrierter und zeituntypisch unkomplexer Weise um Existenz und letzte Fragen drehen.

Emblematisch liegt zu Beginn des Abends die Pelzjacke des Geehrten in der Mitte des Saales. Viviers Seele ist offenbar schon in Richtung Unsterblichkeit geflogen. Zu gehaltenen Klängen des Vocalconsorts Berlin und zu rotem Licht rezitiert Schauspieler Hopp einen traumähnlichen Text, an dessen Ende der Erzähler von einem jungen, ihm erotisch geneigten Mann einen Dolch ins Herz gestoßen bekommt. Mit diesen letzten Worten nahm Vivier nicht nur seinen Tod voraus, er brach damit auch seine letzte Komposition ab.

„Scheine, was du bist, sei, was du scheinst“ – Regisseurin Anisha Bondy und das Ensemble United verstehen es, in dieser kleinen, szenischen Werkschau Sinnsprüche, die Viviers Werk durchziehen, mit dem tragischen Schicksal des Komponisten zu verknüpfen. In „Hiérophanie“ von 1970 erfindet die Regisseurin, wohl sehr nah an Viviers Intentionen, ein kleines, buntes, aber rituelles Welttheater für die Instrumentalisten des Ensembles. Dirigent Jurowski fungiert in schwarzer Robe als Priester. Mit einem scheppernd nachhallenden Klaps gegen den Kopf eines Musikers beginnt der Dirigent das Treiben, das so augenzwinkernd wie ernsthaft etwa vom Gegensatz zwischen „liebenden Menschen“ (zum Beispiel Holzbläsern) und „Egoismus“ (zum Beispiel Blechbläsern) erzählt, während im Hintergrund die Schlagwerkgruppe die Grenzen des Endlichen permanent klanglich bezeichnet. In weiteren Stücken zeigt sich, wie Vivier – unbeirrt von den willfährigen Strömungen der Avantgarde – seine oft rituell anmutende Musik schrieb, teilweise auch in Anlehnung an fernöstliche Religion und Musiktradition.

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