Kultur

Famoses Spießer-Bashing aus der Feder Brechts

Schlosspark Theater zeigt „Die Kleinbürgerhochzeit“ in der Originalbesetzung vom Berliner Ensemble

Die Ouvertüre ist voll Seligkeit: Schlagerschmalz, ein weißes Täubchen. Dazu verheißen blendende Lettern „Die Kleinbürgerhochzeit“. Was kann es Schöneres geben als ein Paar, das seine Liebe mit dem Bund fürs Leben krönt? Doch dann holt ein Schuss die Taube vom Himmel, und die Lettern fallen um. Man wacht auf aus dem Traum und weiß: Die Feier wird ein Desaster.

Theaterfreunde erinnern sich: Das hat man schon mal gesehen. Bertolt Brechts „Die Kleinbürgerhochzeit“ feierte vor 17 Jahren in der Regie von Philip Tiedemann Premiere im Berliner Ensemble, unter dem Intendanten Claus Peymann. Der verabschiedete sich Ende der vergangenen Spielzeit vom BE. Sein Nachfolger Oliver Reese übernahm fünf Peymann-Inszenierungen. Nicht aber Brechts Einakter.

Mit Peymanns Zustimmung hat Dieter Hallervorden „Die Kleinbürgerhochzeit“ nun ans Schlosspark Theater geholt. Mit BE-Originalbesetzung. Tiedemann führt ohnehin regelmäßig Regie in Steglitz. Seine komplett aus dem Ruder laufende Vermählung passt perfekt ans Haus. Entpuppt sich das Jugendstück von Brecht doch als Boulevard mit Hintersinn. Hier obendrein mit einer ganz Großen der Schauspielkunst: Carmen-Maja Antoni, deren Auftritt jubelnd beklatscht wird. Am BE undenkbar, in Steglitz ein Muss.

Antoni, die nun erstmals in West-Berlin Theater spielt, ist die Mutter des Bräutigams. Mit wenigen Knallersätzen und einer Mimik zum Niederknien tischt sie der Festgesellschaft auf. Eingepfercht sitzt man zu neunt am langen Tisch in der winzigen Stube. Beim bloßen Hinsehen kriegt man schon klaustrophobische Panik. Jede Bewegung zieht Aktionen aller anderen nach sich, gerät in der drangvollen Enge zum Slapstick.

Tiedemann hat die grelle Farce detailverliebt ausgepinselt, wenngleich mancher Gag arg zerdehnt wird. Das Ensemble indes zelebriert Klamauk und Komik meisterhaft. Schick gemacht, legen sich alle anfangs noch mächtig ins Zeug. Doch die Regeln des guten Benimms bröseln mit steigendem Alkoholpegel. Bald geht alles schief, was nur schiefgehen kann: Die selbst gemachten Möbel des Bräutigams (Boris Jacoby) brechen kunstvoll zusammen. Die Braut (Charlotte Müller), die unberührte Knospe, erweist sich als mächtig schwanger. Und ihr dampfplaudernder Vater (Martin Seifert) erstickt jede Stimmung mit glücklosen Anekdoten im Keim.

Rasch fallen letzte Hemmungen. Ein Paar keift, andere haben belanglosen Sex, am Ende liegt alles in Trümmern, auch die Zukunft der Frischangetrauten. Heile Welt war gestern. Ein herrlich böser Spaß mit famosem Spießer-Bashing.

Schlosspark Theater, Schloßstr. 48, Steglitz, Tel. 789 56 67, 12.–14.4. 20 Uhr, 15.4. 18 Uhr