Kultur

Paradiesvogel – Dragqueen und Rebell zugleich

Neuköllner Oper inszeniert „Ocaña, Königin der Ramblas“

Mit großer Geste vom Doktorvater angekündigt, scheint es so, als wolle Denis Fischer übernervös Reißaus nehmen von der Bühne. Eigentlich soll er dem Publikum seine Dissertation über Städtebau vorstellen. Postidentitäre irgendwas im Barcelona der 70er-Jahre. Doch er steht da, wie ein verklemmter Nerd. Und fängt zögernd an zu singen. Von grünen Augen, den „Ochos Verdes“, einem populären spanischen Thema. Sekunden später ahnt man, dass es unter dem grauen Strick brodelt. Nach und nach verwandelt sich Denis Fischer vom Doktoranden in den schrillen, schwulen Ocaña. Einen andalusischen Künstler, der im wilden Barcelona der Post-Franco-Ära eine Ikone war. Rebell und Dragqueen zugleich.

Der katalanische Autor Marc Rosich hat mit „Ocaña, Königin der Ramblas“ bereits sein zweites Stück über den exaltierten Paradiesvogel geschrieben und jetzt im Studio der Neuköllner Oper inszeniert. Einzig ein Laufsteg, der als Catwalk ins Publikum ragt, ist beredter Beweis von Ocañas Sucht nach Aufmerksamkeit. Doch unter der funkelnden Oberfläche erweist sich der Künstler als zerrissen und einsam. Wenn er seine Copla­s anstimmt, also jene leidenschaftlichen spanischen „Schlager“, schwingt viel Schmerz mit. Live wird Fischer dabei auf der Gitarre von Takashi Peterson und Jerzy Chwastyk begleitet. Mit Kompositionen und Arrangements von Marc Sambola, die elegant mit modern interpretierten folkloristischen Elementen spielen. Mit den Coplas erweist sich Denis Fischer einem Chamäleon gleich einmal mehr als phänomenaler Interpret. Verschreibt sich der Singer-Songwriter und Schauspieler doch sonst eher düsteren Songs, unter anderem denen von Leonard Cohen. Als Ocaña kann er nun auch spanisches Sentiment und Lorca-Lyrik kongenial.

Selbst ein unangepasster Theaterrebell, ist ihm die Rolle des stets zu überdrehten, zu lauten José Pérez Ocaña (1947–1983) auf den schmalen Leib geschnitten. Egal ob er auf den Ramblas sexu­elle Freiheit und totale Amnestie fordert oder auf der Berlinale für einen Ekla­t sorgt. Alles gerät bei ihm zur provokanten Performance. Nur seinem Freund Max gegenüber, den Victor Petitjean als ruhigen, empathischen Konterpart gibt, öffnet Ocaña sich. Erzählt von seiner frühen verlorenen Liebe zu dem Dorfjungen Manolo. Wenn Bassist Victor Petitjean seine Coplas anstimmt, gehört das zu den großen Momenten des Abends, der alle Facetten eines aufwühlenden Lebens ausleuchtet. Bis zum bizarren Flammentod von Ocaña.

Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131–133, Wieder am 3., 4., 20.–22., 27. & 28. März, 20 Uhr