Kultur

Ausgebrannte, die immerzu über ihre Erschöpfung stöhnen

Die „Sommergäste“:Ein verteufelt amüsanter Seelenstriptease,der vier Stunden dauert

Wer einen ausweglosen Kasten auf die Bühne setzt, muss wissen, an wem er sich damit messen lässt. Für Daniela Löffners „Sommergäste“-Inszenierung am Deutschen Theater hat Claudia Rohner so einen rostbraunen Raum gebaut, der nur zum Publikum hin offen ist. Wenn die Schauspieler in einer Szene nichts zu suchen haben, setzen sie sich hinten auf einen der schlichten Klappstühle. Wenn sie aber dran sind, knipsen sie ihre Charaktere an wie eine Lampe.

Natürlich erinnert das an Jürgen Goschs so großartige wie tiefsinnige Tschechow-, Albee- und Schimmelpfenning-Abende am DT. Schauspielerfeste, wie auch Löffners „Väter und Söhne“ an den DT-Kammerspielen eines war, das 2016 zum Theatertreffen eingeladen wurde. Und wie auch Gorkis „Sommergäste“ jetzt eines ist. Bei der Uraufführung des Stücks 1905 waren all die Anwälte, Ingenieure, Ärzte, die sich auf dem Land begegnen, ein Skandal, weil Gorki sein Publikum als untätige, ziellose Spießer und Schwätzer spiegelte. Nur eine Handvoll Leute, die sich von sozialistischen Gedanken anstecken lassen, dürfen am Ende aufbrechen aus der geschlossenen Feriengesellschaft.

In Löffners Inszenierung gelingt nicht einmal das. Selbst Warwara, die zentrale Frauenfigur, redet nur vom Weggehen, kommt aber nicht vom Fleck. Löffner hat zusammen mit ihrem Dramaturgen David Heiligers die ohnehin schon sachlich-moderne Übersetzung von Ulrike Zemme klar auf Heute gekrempelt – nichts erinnert ans Russland vor der Revolution, alles wirkt, als säßen hier Prenzlauer-Berg-Bewohner in der brandenburgischen Sommerfrische, Mücken, Picknick und Anglerglück inklusive. Die verheirateten Paare, die einander nichts mehr zu sagen haben. Die aufgeblasenen Möchtegern-Intellektuellen. Die Ausgebrannten, die immerzu über ihre Erschöpfung stöhnen. Dass wir heute vielleicht auf einem Vulkan tanzen wie die Bürger vor der Russischen Revolution, deutet Löffner einmal an. Vor der Pause singt Kathleen Morgeneyer mit beeindruckender Ganzkörperdämonie fast nackt: „Schaffen wir uns ab für eine neue Idee“, bemalt sich dabei die Beine schwarz, setzt sich einen Zylinder auf. Und wirkt damit wie der Sänger des „Berlin Babylon“-Titelsongs, also jener TV-Serie, die kurz vor der Nazi-Machtübernahme 1933 spielt. Löffner fragt mit Gorki: Können wir uns angesichts von AfD, Trump, Putin so etwas wie Zynismus, Selbstmitleid, Weltekel überhaupt leisten?

Eine Frage, die sie äußerst komisch beantwortet, weil die Sticheleien und Wortgefechte so pointiert wirken. Nur Anja Schneiders Warwara bremst sie aus, eine freundliche, zurückhaltende Frau mit Leidensfalte auf der Stirn, selbst wenn sie lächelt. Ihr Mann Sergej ist eine hohle Nuss, was Alexander ­Khuon mit geradezu kindlicher Lust auspinselt. Ähnlich unterhaltsam all die Selbstmitleidigen, Bernd Stempels Schriftsteller, Natalia Seeligs Olga, Linn Reusses Kitsch-Lyrikerin.

Es ist verteufelt amüsant, ihnen bei dem Seelenstriptease zuzugucken, die ganzen vier Stunden lang. Aber der Abend rührt nur selten an. Wurde bei Gosch neben der Komik des Scheiterns auch dessen Tragik spürbar, sieht man hier vor allem lächerliche Menschen. Eine Ausnahme ist etwa Marcel Kohlers Wlas, dessen Haut zu eng scheint für all das Gefühl und die Verzweiflung, die ihn umtreibt. Wenn er um die Liebe von Regine Zimmermanns Marja kämpft, dann spürt man in jeder seiner Gesten die Angst etwas kaputtzumachen. Oder Maike Knirsch als Marjas Tochter, die mehr ahnt, als dass sie weiß: Das Leben kann noch ziemlich enttäuschend werden.

Deutsches Theater, Mitte,
Schumannstraße 13a, Tel. 28 44 12 21.
Wieder am 1., 19. und 21. März