Kultur

Ein Platz mit erhöhtem Pulsschlag

Ist da was? Wie ganz normale Berliner, Touristen und Anrainer den Festival-Rummel am Potsdamer Platz erleben

Heike und Katja schlendern mit ihren Kindern über den Potsdamer Platz und blicken sich dabei neugierig in alle Richtungen um. „In New York ist eine Bekannte neulich dauernd irgendwelchen Stars über den Weg gelaufen. Hier auf der Berlinale sehe ich keine“, witzelt Katja. Die beiden Mütter aus Prenzlauer Berg lachen hellauf. Es scheint sie aber nicht wirklich zu bekümmern, dass sich kein Prominenter am Sonntagnachmittag blicken lässt. Auch so haben sie reichlich Berlinale-Luft geschnuppert. „Wir waren gerade mit den Kids in sechs Kurzfilmen und danach noch am roten Teppich, wo Stars wie Hanna Schygulla mit einer Limousine vorgefahren sind“, erzählen sie. Katjas Tochter Tara hat dabei sichtliches Interesse an den hohen Gagen der Schauspieler gezeigt. „Sie wollte wissen, was man sich mit einer Million leisten kann“, verrät Heike. Tara träumt jedoch weniger von einer Leinwandkarriere als vielmehr von einem Bauernhof, den sie gern kaufen würde.

Der Street Food Markt erweist sich als echter Hotspot

So viel Bodenständigkeit trotz des typischen Berlinale-Glamour-Appeals ist dieser Tage selten am Potsdamer Platz. Der hat zurzeit einen ganz anderen, deutlich höheren Pulsschlag als sonst. Schon von Weitem sind die Übertragungswagen der großen Sender und die allgegenwärtige Berlinale-Beflaggung zu sehen. Auf dem Platz selbst herrscht geschäftiges Treiben. Der Berlinale-Palast selbst ist weiträumig abgesperrt. Wie auch der Seiteneingang des „Grand Hyatt“-Hotels, wo die Pressekonferenzen stattfinden. Überall laufen Security-Leute mit neongelben Westen herum, dirigieren Festival-Besucher freundlich und umsichtig auf die richtigen Wege.

Augenfällig sind die vielen Menschen, die Festivalpässe an bunten Bändern um den Hals tragen. Die von der Presse meist mit Berlinale-Journal unterm Arm und einem Smartphone am Ohr. Fotografen sind ebenfalls allgegenwärtig, Kameras strategisch günstig am roten Teppich positioniert. Egal ob Journalisten oder Cineasten, viele von ihnen stehen in Gruppen herum und diskutieren den letzten Film, den sie gerade gesehen haben.

Ein echter Hotspot ist aktuell der Berlinale Street Food Markt in der Joseph-von-Eichendorff-Gasse/Ecke Alte Potsdamer Straße. Fünf Trucks bieten Gerichte aus regionalen, möglichst nachhaltigen Zutaten. Voll ist es hier eigentlich immer. Beim Snacken und Schnacken an den Stehtischen treffen Berlinale-Besucher, Touristen und flanierende Berliner aufeinander. Die Stimmung zwischen koreanischem Soulfood und leckeren Burgern ist bestens. Lars (36) aus Mariendorf ist begeistert von den frisch geschabten Spätzle mit Allgäuer Biokäse. „Schmeckt exzellent“, schwärmt der zweifache Familienvater. Zum Filme­gucken hat der IT-Spezialist zwar keine Zeit, auf eine Stippvisite kommt er aber gern an den Potsdamer Platz. „Ich mag das Festival-Flair“, bekennt er.

Auch in den Arkaden summt es zurzeit lauter als sonst. Das Filmfest setzt in der Shoppingmall deutliche Zeichen mit einem Merchandising-Stand und mehreren Ticket-Countern. Überall stehen Besucher in langen Schlangen. Für Rucksäcke mit Berlinale-Emblem oder Karten. Auf den Bänken ringsum ist so ziemlich jeder freie Platz belegt. Auch Keiko und Takashi Okamoto aus dem japanischen Kobe sitzen hier. „Als wir die Reise gebucht haben, wussten wir gar nicht, dass die Berlinale zur selben Zeit stattfindet. Das ist schon sehr aufregend“, erzählen sie. Sie wollen sich unbedingt noch einen Film anschauen. Welcher, spielt keine Rolle. Dabei sein ist das Einzige, was für die beiden Mittzwanziger zählt.

In die Läden indes schwappt die Berlinale-Welle nur bedingt hinein. Wenngleich in den großen Ketten der übliche Shopping-Auftrieb herrscht, ist es in den kleinen Fachgeschäften eher ruhig. „Gestern war nicht viel los. Heute haben wir aber viele Kunden“, weiß die Verkäuferin im Teegeschäft. Dennoch sieht man auch in den Geschäften reichlich Passanten mit Festivalpässen. Die wenigsten von ihnen haben allerdings zwischen zwei Filmen die Muße für ausgedehnte Einkaufstouren. „Es reicht nur für einen schnellen Gang durch die Drogerie, um das Nötigste zu besorgen“, findet Rita (63) aus Charlottenburg. Sie hat sich mit Saftschorle und Reiskräckern für die nächste Kino-Session eingedeckt.

Bei Taxifahrern hingegen klingt die Bilanz eher positiv. „Vor allem abends und nachts haben wir mehr Touren als sonst. Man sollte sich aber vorher schlaumachen, wo die Filme laufen und wann sie zu Ende sind. Dann steht man richtig“, erklärt einer von ihnen. Seinen Namen möchte er nicht nennen. Er hat keine Lust darauf, dass die werten Kollegen Fragen stellen und seine Tricks kopieren. Beim Geld hört die Freundschaft bekanntlich auf.

Ob man für die Heimfahrt nun ein Taxi oder die U-Bahn wählt, die Berlinale ist auch jenseits des Potsdamer Platzes im Moment über weite Strecken Gesprächsthema Nummer eins. Zumindest noch für die nächsten Tage.