Kultur

Liebe auf dem Gabelstapler

Gefühle in einer sterilen Markthalle? Doch, das geht. Der letzte Wettbewerbsbeitrag „In den Gängen“ setzt noch mal ein echtes Highlight

Tiefstapeln, das darf hier gleich verraten werden, tut dieser Film gewisslich nicht. Er will im Gegenteil ziemlich hoch hinaus. „In den Gängen“ spielt in einem Großmarkt. Man kennt diese Hallen mit ihren ewig langen, ewig hohen Regalwänden voller Artikel. Aber wohl nur die wenigsten wissen, wie viele Leute da arbeiten, die Regale auffüllen, nachts verderbliche Ware entsorgen und überhaupt palettenweise Artikel rangieren. Der Schreiber dieser Zeilen wusste bislang auch nichts von den feinen Unterschieden zwischen „Hubis“ und Ameisen oder wie schwer das ist, mit Gabelstaplern zu hantieren. Diese hohe Kunst, man lernt sie hier, zumindest passiv.

Und wann hat es das zuletzt im deutschen Kino gegeben: dass eine hermetisch abgeschlossene Arbeitswelt einfacher Angestellter erschlossen wird? Working-Class-Filme kennt man aus dem britischen Kino. In Deutschland muss man schon bis in die 70er-Jahre mit ihrem starken, sozialkritischen Film zurückdenken. Und so rein aus der Arbeitswelt kommt „In den Gängen“ auch nicht. Er musste erst den Umweg über die Literatur nehmen, über einen Stoff von Clemens Meyer.

Eine Meyer-Adaption auf der Berlinale? Da muss man an „Als wir träumten“ denken, der 2015 auch im Wettbewerb lief, aber leider der erste Film war, mit dem Andreas Dresen trotz seines genauen Blicks auf die kleinen Leute einmal danebenlag. Ganz anders Thomas Stuber, der sich auf eine eher kurze Geschichte Meyers bezieht, daraus aber großes Kino macht. Im vierten deutschen Beitrag des Wettbewerbs wirdeine nüchterne Markthalle im Osten des Landes zu einem entrückten Ort, wo die Arbeiter alle fast schon zu lieb zueinander sind. Wo der Neuling Christian (Eu-ropean Shooting Star Franz Rogowski, der schon in „Transit“ zu sehen war) in der Getränkeabteilung einen väterlichen Freund (Peter Kurth) findet und sich in der Süßwarenabteilung in eine forsche Regalfüllerin (Sandra Hüller) verliebt.

Stundenlang könnte man zusehen, wie sie da mit dem Gabelstapler rangieren und im sterilen Umfeld zarte Bande knüpfen. Die öde Markthalle als utopisches Idyll, als überhöhter „Huis clos“ und Sehnsuchtsort. Das hat geradezu poetische Kraft und ist nochmal ein spätes Highlight zum Ausklang des Festivals. Irgendwann aber wartet man noch auf eine andere Ebene. Letztes Jahr erst hat man auf der Berlinale in „Körper und Seele“ eine noch drastischere Arbeitswelt, ein Schlachthaus, erlebt, in dem die zarte Liebe noch weniger zu erwarten war. Dort wurden am Rande aber auch gesellschaftspolitische Themen verhandelt. Das gab Bären-Gold. Im Vergleich dazu bleibt dieser Film zu sehr in seiner Parallelwelt stecken. Und stapelt dann doch ein kleines bisschen zu tief.

Wiederholungen Heute, 12 Uhr, Friedrichstadt-Palast, 15 Uhr Haus der Berliner
Festspiele; 25.2., 21 Uhr Berlinale-Palast