Kultur

Mit der Schule auf die Berlinale

Den Jungs fehlt Action, die Mädchen sind begeistert: Zwei dritte Klassen aus Neukölln besuchen das Kinderfilmfestival „Generation“

Wangdrak schwänzt die Schule. Er rennt die steilen Wege seines Bergdorfes hinab. Ein Händler soll weiter unten seine Ware anbieten und der Erstklässler hofft, dass auch passende Gummistiefel für ihn dabei sind. In den Bergen von Tibet regnet es oft. Wangdrak ist der einzige, der keine Stiefel hat.

Auch Nour-Nora, Reem und Feng haben heute Schule. Deshalb sehen sie sich „Wangdraks Gummistiefel“ an, einen in ruhigen Bildern gehaltenen chinesischen Beitrag im Generation-Programm für das junge Publikum. Mit ihnen sind über 40 weitere Schüler der Neuköllner Richard Grundschule in den Zoo Palast gekommen. Ihre Lehrerinnen Susan Navissi und Bettina Leinberger nehmen das vielfältige Berlinale-Programm oft und spürbar leidenschaftlich wahr, betten den Kinobesuch in ihr Fach, humanistische Lebenskunde, ein.

Wangdrak hat inzwischen seine Stiefel bekommen. Leider bleibt fortan der Regen aus. Wann und wie sich das Wetter wieder ändern wird, bleibt am Ende ungewiss. Applaus brandet auf. Einige Mädchen aus der 3a rennen zu dem Mann, der das Mikro für Zuschauerfragen bereithält. Aufregende Minuten vergehen, bis das Filmteam auf der Bühne vorgestellt ist. Endlich kommen die Fragen dran. „Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Film gekommen?“, möchte Nour-Nora wissen. „Die Grundlage war ein Roman“, antwortet Regisseur Lhapal Gyal, der 1989 in der chinesischen Provinz Qinghai geboren wurde. „Eigentlich sollte ein weiterer Kurzfilm daraus werden, jetzt ist es mein erster langer Film“, freut er sich. Auch Nour-Nora nickt zufrieden. Vielleicht wegen der Antwort, vielleicht auch, weil sie sich zu fragen getraut hat.

Die nächste Vorstellung drängelt. Beim Herausgehen nölen einige Jungs, der Film habe „zu wenig Action“ und ein „offenes Ende“ gehabt. Damit hatte der neunjährige Feng aus der 3c kein Problem. „Ich mochte das Ende“, sagt er und fügt an: „Ich glaube, dass es noch Regen geben wird.“ Dass seine Eltern aus China stammen, scheint ihm den Film ansonsten nicht unbedingt nähergebracht zu haben. Ein bisschen langatmig war’s, doch dass es in Wangdraks Schule eher leise zuging, das hat gefallen. „Bei uns in der Schule ist es oft zu laut“, murmelt er. „Du bist aber auch einer der Lautesten“, ruft ein Junge. „Du aber auch!“ gibt Feng zurück. Dann geht es an die Pausenstullen.

„Uns hat der Film gefallen“, betonen die Mädchen. „Aber er war auch ein bisschen traurig, weil Wangdraks Eltern so arm waren.“ Jetzt wartet auf sie noch Sport, „wenn es nicht schon wieder ausfällt“. Für Susan Navissi ist die Berlinale noch nicht vorbei. Sie wird im Lebenskundeunterricht noch über „Los Bando“ sprechen, den sie am Montag mit den 4. und 5. Klassen gesehen hat. In dieser norwegischen Komödie geht es um den eher unmusikalischen Axel, der mit seinem besten Freund eine Rockband gründet. Es könnte also doch noch mal etwas lauter werden.

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