Kultur

Pop für romantische Außenseiter

Nostalgie und Kuscheldecke: Die schottische Band Belle & Sebastian führt im Admiralspalast routiniert durch einen ruhigen Abend

Es liege eine Weile zurück, dass er das letzte Mal in Berlin gewesen sei, sagt Stuart Murdoch und schaut wie ein geübter Charmeur durch die Reihen des Saales, aber „ihr seid ja gar nicht gealtert“. Selbstverständlich nicht. Manche hätten in dieser Zeit Kinder bekommen. Manche hätten geheiratet. Manche hätten sich scheiden lassen.

Natürlich lässt sich so ein Programm mit Kinder-Heirat-Scheidung auch in gut zwei Jahren absolvieren. Denn streng genommen war Murdochs Band das letzte Mal 2015 in der Stadt, als sie beim Lollapalooza in Tempelhof auftrat. Aber mutmaßlich hatte der Sänger eher den Auftritt 2011 in Erinnerung. Da trat Belle & Sebastian in der C-Halle auf. Dort war es laut, eng, überfüllt, heiß, man hatte weder Luft zum Atmen noch Platz für Bewegungen und am Ende verließ man glückselig mit erröteten Wangen die Veranstaltung.

An diesem Sonnabend nun treten die Schotten im Admiralspalast auf, das Parkett ist von Stühlen befreit, wieder ist das Konzert ausverkauft, aber es ist gibt genug Platz für jeden, und irgendwann zwischen zwei Liedern stellt Sänger Murdoch fest, dass das Publikum heute doch recht ruhig sei. Vielleicht ist es ja doch gealtert. Vielleicht aber macht Belle & Sebastian einfach nicht Musik für exaltiertes Tanzen. 1996 als Septett gestartet, wurden sie schnell zum Sprachrohr für den romantischen Außenseiter. Wer in den 80er-Jahren unverstanden in seinem Jugendzimmer an die Decke starrte, hörte die Smiths, ein gutes Jahrzehnt später legte die nächste Generation Belle & Sebastian auf. Zwei Dekaden später versammelt sich die Jugend von einst mit Hornbrille und Jute-Beutel im Admiralspalast.

Mit der Nostalgie-Karte spielen die Glasgower bis zum heutigen Tag. Die Videos, die bei den ersten Songs im Hintergrund laufen, zeigen allein schon durch ihre Körnigkeit, dass die Zeiten aufregend, aber längst vergangen sind. Bei „I’m a cuckoo“ erscheint ein Symbol in einem gelb-orange, das heute nicht mehr im Handel ist. Für Berlin hat die Band einige besondere Impressionen mitgebracht. Wie bei einem Diavortrag zeigt Murdoch Schnappschüsse von der Leipziger Straße samt Plakat von Erich Honecker, vom geteilten Brandenburger Tor, von Nina Hagen, von Bruno Ganz als Engel im „Himmel über Berlin“. Stuart Murdoch setzt sich auf den Rand der Bühne, als wolle er sagen, wir alle seien einen weiten Weg gegangen.

Unterwegs mit drei neuen Liedern

Wobei man hinzufügen muss, dass sein Weg ein ganz besonders langer war. Er litt jahrelang als junger Mann am Chronischen Erschöpfungssyndrom, in den ersten Jahren verweigerte sich Belle & Sebastian der Öffentlichkeit und es dauerte Jahre, bis Murdoch Gefallen daran fand, im Mittelpunkt zu stehen.

90 Minuten dauert der Abend, der mit „Nobody’s Empire“ begonnen hatte und mit dem Überhit „I want the world to stop“ endet. Jüngst sind drei EPs erschienen, die auch Anlass für die Tour mit dem bescheidenen Titel „How to solve our human problems“ sind. Drei neue Lieder werden gespielt, „I’ ll be your pilot“ ist das beste und anrührendste. Es erzählt von einem Vater, der am Bett seines Sohnes verspricht, immer für ihn da zu sein.

Die Bühne ist gut gefüllt, im Schnitt acht Musiker verteilen sich auf die In­strumente. Im vergangenen Sommer verlor die Band auf der US-Tour für ein paar Stunden Schlagzeuger Richard Colburn, den sie bei Wal-Mart unabsichtlich zurückließen. Via Twitter wurde er aufgespürt, die Band bestehe bei der Tour aus zwölf Musikern, das sei vergleichbar mit dem Hüten von Katzen, sagte Murdoch.

In Berlin führt er eine bewährte Tradition fort und holt, als wäre es auf der Bühne nicht schon voll genug, um die zehn Leute aus dem Publikum nach oben. Die Atmosphäre ist verlegen wie in der Dorfdisko beim ersten Tanz des Abends. Viertel vor zehn ist bereits Schluss, der Tour-Bus wartet schon. Stuart Murdoch winkt ins Publikum, den Schlagzeuger lässt er sicherheitshalber nicht aus den Augen.