Kultur

Die schwierige Beziehung zum Geld

Tom Tykwer eröffnet die Reihe Berlinale Talents und gibt wertvolle Ratschläge für junge Filmschaffende

Tom Tykwer betritt die Bühne des HAU 1 mit einer weißen Tasse in der Hand. Zuerst prostet er dem Publikum damit zu, dann setzt er sich auf seinen Platz und raunt das Wort „Coffee“ ins Mikro. Sofort löst sich die Stimmung im Saal, Tykwer strahlt Tiefenentspannung aus, obwohl er Kaffee gerade sicher gut gebrauchen kann. Immerhin hat er derzeit das Amt des Jury-Präsidenten inne. „Das ist Urlaub“, kommentiert er die Arbeit mit der Jury, die in einem Wechsel aus Filme gucken und Diskutieren besteht und sich manchmal bis tief in die Nacht zieht. „Meist diskutieren wir zwei Stunden über einen Film, doch manchmal brauchen wir nur 20 Minuten“, witzelt er und wirkt dabei tatsächlich so freudig erregt wie ein Abenteuerurlauber.

In der Reihe Berlinale Talents teilen erfahrene Filmschaffende seit 2003 ihr Wissen mit dem internationalen Filmnachwuchs. Und genau das tut Tykwer bei der ersten Talents-Veranstaltung am Sonntag. Er gibt zwei wertvolle Ratschläge. Zum einen werde ein Film erst interessant, wenn Eltern darauf gestresst reagieren: „Wenn du deine Eltern zufriedenstellen willst, wird es scheiße.“ Zum anderen dürfe man die Bedeutung des Caterings zu Beginn der Karriere nicht unterschätzen: „Wenn du die Leute nicht bezahlen kannst, dann sorg wenigstens dafür, dass das Essen gut ist“, lacht er, und sofort fällt das Publikum mit ein.

Neben Tykwer sitzt der renommierte Filmhistoriker Peter Cowie, der allerdings im Laufe der Veranstaltung nur selten zu Wort kommt. Denn wenn Tykwer einmal mit seinen Anekdoten begonnen hat, ist er in seinem Redefluss nicht zu stoppen. Der als Gespräch getarnte Monolog beginnt mit Tykwers jüngstem und noch laufendem Projekt „Babylon Berlin“. Er erzählt von der Zusammenarbeit mit seinen Regiekollegen Achim von Borries und Hendrik Handloegten. Zur Entscheidungsfindung im Dreiergespann sagt er: „Das ist wundervoll, da entscheiden sich Debatten immer im Verhältnis zwei zu eins.“

Dass die gerade Anzahl der sechsköpfigen Berlinale-Jury für ihn zum Problem werden könnte, ist jedoch nicht anzunehmen. Denn Tykwer versteht sich als Katalysator, er bezeichnet das als sein einziges Talent. „Ich bin die Membran, durch die sich geniale Künstler austauschen“, veranschaulicht er den Gedanken. Doch auch darüber, wo seine Talente nicht liegen, ist er sich bewusst: „Geld und ich haben eine schwierige Beziehung“, gesteht er und erntet Gelächter. So habe zu Beginn seiner Karriere mehr als einmal der Gerichtsvollzieher vor seiner Tür gestanden, weil er das Budget überzogen hatte. „Lola rennt“ sei unter anderem auch deshalb entstanden, weil er damit die Schulden tilgen wollte. Auch als Komponist habe er sich nur deshalb versucht, weil zu Beginn das Geld für fremde Filmmusik fehlte.

„Bambi-Zombie-Gandhi“: Alle Filme durcheinander gucken

Zwischen Tykwers Ratschlägen und Geschichten werden immer wieder Ausschnitte seiner Werke auf der Leinwand gezeigt. Während einer tempo-geladenen Szene aus „Lola rennt“ legt Tykwer seine Jacke ab, als ob ihn die Action selbst echauffieren würde. Auf die Frage, welche Idee hinter den Tricksequenzen steckten, die diesen Film durchziehen, antwortet er: „Ich weiß nicht mehr, ich erinnere mich nur an frühere Antworten auf diese Frage, nicht an die wahren Beweggründe.“ Nach kurzem Nachdenken fügt er hinzu: „Wir wollten eben alles ausprobieren.“

Ohne Punkt und Komma erzählt Tykwer weitere Anekdoten vom Beginn seiner Karriere. Etwa davon, wie er seinen Dauer-Kameramann Frank Griebe kennenlernte. Er erzählt, wie sie sich oft gemeinsam drei grundverschiedene Filme hintereinander angeschaut haben. „Bambi-Zombie-Gandhi“, betitelt er dieses Prinzip, das seine Liebe zum Film unabhängig von Genres gut zusammenfasst.

Und dann kommt die Rede auf Hollywood-Mogul Harvey Weinstein. Der sieht sich momentan heftigen Vorwürfen wegen sexueller Belästigung ausgesetzt, Tykwers Anekdote stammt aber aus Zeiten vor der #MeToo-Debatte. Als der Produzent ihn überzeugen wollte, einen gemeinsamen Film zu machen. Tykwer schildert die Begegnung wie eine Szene aus „Der Pate“, mit Weinstein als Mafiaboss, dem er sich widersetzt, indem er aus dem Hotelzimmer zum Fahrstuhl rennt, wo Weinstein ihn einholt und – „wie in Terminator!“ – die sich schließenden Türen aufzieht. Tykwer lässt sich dann doch noch zur Zusammenarbeit bewegen, das Produkt „Heaven“ hat die Berlinale 2002 eröffnet.

Die Veranstaltung endet mit einer Fragerunde. Ein junger Mann will dabei wissen: „Worauf achten Sie beim Casting der Schauspieler?“ Tykwer stellt eine Gegenfrage: „Was sind Sie von Beruf?“ Die Antwort ahnt jeder: „Schauspieler.“ Wieder Gelächter. Tykwer grinst ins Publikum. Und dann eilt er auch schon los, um seinen Berlinale-Urlaub als Jurypräsident fortzusetzen.