Berlinale

Eine Charta gegen Belästigung

Nach vielen Lippenbekenntnissen zum Thema #MeToo geht mit „SpeakUp!“ ein konkretes Hilfsangebot online.

68. Berlinale, Closing the Gap, Diskussionsveranstaltung im Meistersaal in Berlin, zum Thema Gleichberechtigung am Arebitsplatz, #50/50by2020 vor und hinter der Kamera, mit v.l. Regisseurin Malgorzata Szumowska, Jean-Christophe Simon, Vorsitzender Europe International, und Daniela Elstner, Gruenderin Speak up, Copyright: DAVIDS/Sven Darmer, 17.02.2018

68. Berlinale, Closing the Gap, Diskussionsveranstaltung im Meistersaal in Berlin, zum Thema Gleichberechtigung am Arebitsplatz, #50/50by2020 vor und hinter der Kamera, mit v.l. Regisseurin Malgorzata Szumowska, Jean-Christophe Simon, Vorsitzender Europe International, und Daniela Elstner, Gruenderin Speak up, Copyright: DAVIDS/Sven Darmer, 17.02.2018

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Als Familientreffen der Kinobranche wird die Berlinale gern bezeichnet. Und wie wohl jeder Familie in einer vergleichbaren Situation ergeht es seit letztem Oktober auch der Kinobranche. Weil für Harvey Weinstein sexuelle Belästigungen bis hin zu Vergewaltigung offenbar zum Geschäftsgebaren als Filmproduzent gehörten, kam auch an die Öffentlichkeit, was familienintern zuvor eher als offenes Geheimnis behandelt worden war. Unter dem Hashtag #MeToo bestätigten ungezählte, mitunter sehr prominente Frauen, mindestens belästigt worden zu sein. Von Weinstein selbst und von anderen Männern ähnlicher Struktur.

Monika Grütters rollte #MeToo den Teppich aus

Seitdem kennt wirklich jeder jemanden, der Opfer von sexueller Gewalt geworden ist, was wiederum Erfahrungen, die sonst nur, wenn überhaupt, das ins Vertrauen gezogene per­­sönliche Umfeld eines Opfers macht, in einem bisher unbekannten Ausmaß kollektiviert. Auch die Familie der Filmschaffenden ist seither gezwungen, sich zu verhalten. Wer schweigt, könnte sich verdächtig machen. Und so reichen die Reaktionen auf #MeToo von Trauer und solidarischem Aktivismus über relativierende Abwehr bis hin zu einem Filmjournalisten, der in einem Blogeintrag seufzt, man möge doch das Kino und seine Filme wenigstens „halb so wichtig“ nehmen wie jetzt „das Treiben“ Harvey Weinsteins.

Je weiter die Kreise, die ein Ereignis zieht, sich von ihrem eigentlichen Zentrum entfernen, desto mehr Platz nehmen sie bekanntlich ein. Dagegen bietet die Berlinale eine geeignete Plattform, #MeToo konkret zu thematisieren. Schon bei der Eröffnung am Donnerstag rollte Monika Grütters #MeToo demonstrativ den Roten Teppich aus. Und schrieb den Weinsteins jeglichen Kalibers ins Stammbuch: „Time Is Up – Eure Zeit ist vorbei!“

Bill Murray über #MeToo: "Jeden Tag Diskriminierung"

Dass auch in der deutschen Filmbranche schon länger an der versprochenen Zeitenwende gearbeitet wird, hätte man zur selben Zeit in der Kulturbrauerei erfahren können. Dort wurde der Fair Film Award verliehen, mit ihm werden Produktionen gewürdigt, an deren Sets eine „angst- und gewaltfreie Arbeitsatmosphäre“ herrscht. Wäre das die Regel, würde der Preis wohl kaum existieren. Aufmerksamkeit erregt dieser Tage jedoch nur eine Veranstaltung, die den Berlinale-Stempel trägt. So unterstützt das Festival auch erstmals offiziell ein Seminar, mit dem sich das schwedische Filminstitut und die Initiative Women in Film and Television jährlich zur Berlinale-Zeit für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen.

Unter dem Motto „Closing the Gap“ stehen am Sonnabendvormittag ab 10 Uhr im Meistersaal in der Köthener Straße erst mal die üblichen Diskussionsrunden auf dem Programm. Regisseurinnen wie Emily Atef oder Pernille Fischer Christensen erzählen von ihren aktuellen Berlinale-Filmen über Romy Schneider und Astrid Lindgren. Im Saal ist kein Stuhl mehr frei, mehrere Hundert Frauen und vielleicht ein Dutzend Männer quittieren das Geschehen mit begeistertem Applaus.

Doch für einen Moment wird es persönlich. Der Reporter steht ganz hinten am Ausgang. Hin und wieder fängt er einen Blick auf, wenn sich eine Besucherin umdreht. Er fragt sich: Werde ich gerade anders angesehen, weil ich ein Mann bin? Gerade will er den Gedanken zur Seite schieben, da folgt ein nächster: Fühlt es sich ähnlich an, wenn eine Regisseurin in einen Raum kommt, in dem nur Redakteure oder Produzenten sitzen? Würde sie sofort als Mensch wahrgenommen werden, der seinen Job macht? Müsste sie sich Sorgen machen, dass erst mal abgeschätzt wird, ob ihr Hemd etwas zu hoch geschlossen oder zu offen ist?

Gegen 12.15 Uhr stehen dann sechs Kamerateams im Saal. Und der französische Filmvermarkter Jean-Christo­phe Simon, Vorsitzender von Europa International, betritt die Bühne. Er hat „Speak Up!“ gegründet, eine Initiative, die Betroffenen von sexuellen Übergriffen aus der Filmbranche Hilfe anbietet, ein Forum für Austausch und kostenfreie rechtliche Beratung. Mit ihm verkündet seine Kollegin Daniela Elstner, die selbst vor Jahren Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden ist, dass die entsprechende Internetseite soeben online gegangen sei (http://www.speakupnow.eu). Die Regisseurin Malgorzata Szumowska, deren neuer Film „Twarz“ ebenfalls im Berlinale-Wettbewerb läuft, zitiert aus dem „Speak Up!“-Manifest: „Wir werden nicht länger schweigen!“ Eine Charta gegen Belästigung.

Das Signal ist klar: Eine Branche will sich als handlungsfähig erweisen. Über #MeToo geredet wird dann offiziell erst wieder am Montag, wenn der deutsche Zweig der Kinofamilie zu einer Gesprächsrunde „Zu sexualisierter Belästigung und Gewalt in der Film- und Fernsehbranche“ zusammenkommt.

Vorhang auf für die Berlinale