Kultur

Wahn und Wirklichkeit

Alle Berliner schauen derzeit auf die Filmfestspiele. Da muss auch der neue Berliner „Tatort“ mal auf der Berlinale ermitteln

Alles anders beim „Tatort“. Gleich anfangs beim berühmten Auge- und Fadenkreuz-Intro gibt es Schatten im Bild, als würden Leute vor uns Platz nehmen, als ob wir nicht zu Haus auf dem Sofa, sondern im Kino säßen. Wenn am Sonntag die neue Folge aus Berlin läuft, ist Berlinale. Und weil bei den neuen Berlin-Kommissaren die Stadt eine wichtigere Rolle spielt als bei all ihren Vorgängern, müssen die auch mal auf dem Filmfestival ermitteln. Darauf ist noch keiner gekommen. Gedreht wurde vor einem Jahr, während der 67. Berlinale. Und jetzt wird so getan, als ob sie ins laufende Festival eingreifen.

Dabei tragen Erol Yesilkaya (Drehbuch) und Sebastian Marka (Regie) dick auf. Die Kommissare Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) stoßen auf einen abgeschnittenen Finger. Eine Spur führt zu einem Kinofilm, in dem zwei Kommissare genau denselben Finger finden. Der Film feiert gerade Premiere – auf der Berlinale. Also machen sich Rubin und Karow auf den Weg dahin. Sie können sich am roten Teppich am Tumult vorbei in den Berlinale-Palast zwängen. Als ob man da ohne Ticket reinkäme! Als ob es nicht strengste Sicherheitsvorkehrungen gäbe. Die Szene, die man ständig im Trailer gesehen hat, ist schon die einzige, die wirklich auf der Berlinale gedreht wurde. Wenn die Kommissare in die Premiere platzen, ist der Kinosaal viel kleiner und sieht verdächtig nach Babylon Mitte aus. Das sieht jeder, der schon mal auf der Berlinale war.

Haarsträubend geht es weiter. Die Ermittler warten nicht das Ende ab, sondern zwingen den Regisseur mitten in der Premiere mitzukommen. Was zeitgleich genauso auf der Leinwand geschieht. Offensichtlich hat der Drehbuchautor lauter Verweise auf eine Verschwörung eingebaut. Karow kniet sich immer tiefer in den Fall. Guckt den Film Tag und Nacht in einem Kino. Als ob während der Berlinale eines frei wäre! Und erlebt dann genau dasselbe wie die Kommissare im Film.

Man nennt das eine Metaebene, so heißt auch die Tatort-Folge „Meta“. Kollegin Rubin meint nur: „Der Film tut Ihnen nicht gut!“ Karow wird mit allen Klischees konfrontiert, die man dem Kino so vorwirft: neurotische Filmschaffende, koksende Regisseure. Komisch: Frau Becker und Herr Waschke machen doch auch Kino. Haben die nicht mal hie und da Drehbuchseite bekrittelt? Am unlogischsten aber: Karow guckt sich die ganze Zeit den Film an. Und legt sich dann doch in die Badewanne, in der der Film-Kommissar überrascht wird. Der Rat von Kommissarin Rubin, man mag ihn auch den RBB-Redakteuren geben: Die Berlinale tut Ihnen nicht gut! Lassen wir also dieses Meta-Zeugs. Und gehen lieber richtig auf die Berlinale.

„Tatort: Meta“ ARD, Sonntag, 20.15 Uhr