Kultur

Milder Western

Im Wettbewerbsfilm „Damsel“ spielt Robert Pattinson mit Lust gegen sein Image als Herzensbrecher an

Robert Pattinson kann auch komisch. Zum Star wurde er bekanntlich als anämischer Vampir in den „Twilight/Bis(s)“-Filmen. Als er danach auch dramatischere Rollen übernahm, merkte man, dass er als Schauspieler auch ohne die angeschminkte Blässe ziemlich blass blieb. Das konnte man auch auf der Berlinale wiederholt studieren, wo er schon so etwas wie ein Stammgast ist. Aber nun das: In dem Western „Damsel“, der gestern im Berlinale-Palast Premiere feierte, spielt er einen Cowboy. Oder doch eher ein Greenhorn. Einer, der mit Gitarre und Zwergpony durch die Prärie reitet, um seine entführte große Liebe wiederzufinden. Einen Pfarrer hat er auch gleich mit im Schlepptau, der dann die Hochzeit auf ewig besiegeln soll.

So lakonisch, als wäre es ein Film der Coen-Brüder

Schon das Zwergpony sorgt für Amüsement. Aber erst recht Pattinson selbst als jener Samuel Alabaster, mit einem ziemlich schwarz angelaufenen Goldzahn, einem leichten Überbiss, einer eher krächzenden Stimme und Bewegungen, die kerlig, heldisch, western­like wirken sollen und doch immer linkisch daneben gehen. Der 31-Jährige ist hier einmal komplett gegen sein Image als romantischer Liebhaber besetzt. Und scheint das mit Lust auszuspielen und auszukosten. Was in einer Szene gipfelt, wo er eine ziemlich komische Liebesballade zur Gitarre singt.

Die Angebetete, aufgepasst, heißt Penelope. Die Suche nach ihr in den Weiten der Wildnis ist folglich eine Odyssee – wenn auch eine umgekehrte, hat doch in Homers „Odyssee“ Penelope zu Haus auf ihren Gatten gewartet, aber dazu später. Wir reiten mit diesem Greenhorn und seinem Priester, von dem wir ziemlich früh erfahren, dass er ein falscher ist, durch dieses Land, durch das nur wenige Menschen kommen, die alle noch schräger sind als die Anti-Helden. Säufer, die in Fässern aufgehängt werden, Chinesen ohne Skalps, aber mit Indianerpfeilen im Karren, und Pferde, die einen Damenhut tragen.

Der Western wird immer wieder aufs Neue totgesagt, immer wieder reanimiert. Und auch immer wieder durch den Kakao gezogen. Das Versprechen des klassischen Wildwestfilms – zieh nach Westen und finde das gelobte Land – wird dem Genre hier konsequent ausgetrieben. Diese Wildnis ist bevölkert mit lauter Neurotikern, Käuzen und Freaks, als sei dies ein Film der Brüder Coen. Es ist aber einer von den Brüdern David und Nathan Zellner, die in erster Linie Schauspieler sind (und als solche auch in Nebenrollen auftreten), aber spätestens mit „Goliath“ (2008) auch als Regisseure auf sich aufmerksam gemacht haben. Und als solche den Coens in Sachen Lakonie kräftig nacheifern. Ihr Humor ist noch trockener als der Staub, der durch die Prärie bläst.

Nach gut der Hälfte des Films, als sich der Humor fast totgeritten hat, überraschen die Zellners aber mit einer Kehrtwende, die das Ganze noch mal in eine ganz andere Richtung dreht. Samuel findet endlich seine große Liebe und befreit sie von ihrem Entführer. Nur stellt sich heraus, dass Penelope (Mia Wasikowska) diesem Mann ganz freiwillig gefolgt ist und von Samuel gar nichts wissen will. Und auch das müssen wir jetzt verraten – und wer ein Ticket für die zahllosen Wiederholungen des Films ergattert hat und sich das nicht vermiesen will, der sollte den Absatz besser überspringen: An dieser Stelle lässt der Film seinen Star einfach hopps gehen. Ein Schock wie damals, als Alfred Hitchcock in „Psycho“ Janet Leigh nicht mehr aus der Dusche kommen ließ. Hitchcock scheint in „Damsel“ auch irgendwie mitgedacht worden zu sein. Das Ende hier kommt jedenfalls im Klohäuschen.

An dieser Stelle wird „Damsel“ seinem Titel gerecht und das männlichste aller Filmgenre urplötzlich zu einem Frauen-Western. Von denen gibt es nicht so viele, aber gefühlt haben wir sie schon alle auf der Berlinale erlebt. Frauenwestern zeigen meist die vielen Entbehrungen und Entwürdigungen der Frauen in dem Land, wo Männer vermeintlich noch Männer sein dürfen. In „Damsel“ aber hat diese Penelope die Hosen an, sie weiß auch besser mit der Knarre umzugehen als all die Herren der Spezies, die alle wie in Homers „Odyssee“ um sie freien. Sie macht auch immer wieder drastisch deutlich, dass sie sich von niemandem retten lassen muss. Und man ihr auch tunlichst nicht an die Brust fassen sollte.

So wie die Antihelden hier durch fremdes, wildes Land stolpern, so mäandert auch der Film zwischen den Genres und Humorstufen, von Lakonie über Satire bis zu offenem Slapstick. Das hat in einem Wettbewerb, wo es gemeinhin um große, sozialpolitische Themen geht, eigentlich nichts zu suchen. „Damsel“ hat daher bei der ersten Vorführung auch ein paar zarte Buhs eingefahren. Aber man versteht ganz genau, warum Dieter Kosslick den Film in den Wettbewerb gehievt hat.

Mitten in der Debatten um Frauenquote und #MeToo ist dies der Film der Stunde: mit einer Frau, die sich von keinem Mann diktieren lässt, wie sie zu leben hat. Monika Grütters hat bei der Festival-Eröffnung am Vortag noch auf Marlene Dietrich verwiesen, die mit ihrer Hosenrolle in „Morocco“ die Geschlechterrollen durcheinandergewirbelt hat. Mia Wasikowska als Damsel ist eine würdige Nachfolgerin. Am Ende reitet sie als Lonesome Cowgirl in die Prärie. Die Männer hat sie nicht in die Wüste geschickt, sondern zu den anderen Weicheiern: in die Stadt.

Wiederholungen 17.2., 12 und 17.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast, 21 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, 21.30 Uhr,
Toni, 25.2., 15.30 Uhr Berlinale-Palast