Kultur

Ein Mann der knappen Worte

Franz Rogowski ist mit gleich zwei Filmen im Wettbewerb. Und dann auch noch Shootingstar

Ganz klar, das ist seine Berlinale. Franz Rogowski ist gleich mit zwei Filmen im Wettbewerb. Das an sich ist schon eine Herausforderung. Aber dann wird er heute auch noch als deutscher Shootingstar der Berlinale geehrt. Da könnte man schon ein bisschen den Boden unter den Füßen verlieren. Nicht so der 32-Jährige. Filmfestivals, gibt er offen zu, sind nicht so seins. Das sei „ein Riesenrummel, wo man sich den besten Anzug anzieht“, wie er meint. „Man sieht da besser aus als sonst. Aber manchmal zwickt es einen in der Unterhose, und dann weiß man nicht, was man machen soll.“ Solche Sätze zeigen, wie geerdet er bei allem ist.

Dabei ist Franz Rogowski gerade überall. In Michael Hanekes „Happy End“ neben Isabelle Huppert, in „Fikkefuchs“ von und mit Jan Henrik Stahlberg, zuletzt in „Lux – Krieger des Lichts“: Filme mit ihm scheinen im Monatsrhythmus im Kino zu starten. Und nun noch das Berlinale-Doppel, das kontrastreicher kaum sein könnte. „Transit“, der heute Premiere hat, ist die Verfilmung eines Anna-Seghers-Romans über eine Flucht aus Europa in den 30er-Jahren, die Regisseur Christian Petzold aber der Flüchtlingsbewegung von heute, rein nach Europa, gegenüberstellt.

Holzfällerstatur und Hasenscharte: welch Kontrast

„In den Gängen“ von Thomas Gruber, ebenfalls eine Adaption, nach einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer, spielt in der Arbeitswelt von heute, in der Nachtverräumung eines Großmarktes, wo sich ein einsamer Staplerfahrer (Rogowski) in eine Frau aus der Süßwarenabteilung (Sandra Hüller) verliebt. Vergleichen kann und will der Schauspieler die beiden Filme nicht. Mit Vergleichen tut er sich sowieso schwer. Und dass er Shootingstar wird, das nimmt er auch irgendwo so mit. Eigentlich kommt die Auszeichnung ja viel zu spät, seit vier Jahren bekommt der Mann zahllose Angebote und Preise. Und für Shootingstars gibt es auch eine Altersgrenze: Ein Jahr älter, und er könnte den Preis nicht mehr bekommen. „Ich bin saufroh“, gibt er offen zu, „dass es noch geklappt hat.“

Wir treffen den Schauspieler im Hotel. Nicht im Adlon oder im Hotel de Rome, wo man die großen Stars trifft. Sondern in The Circus Hotel, einem trendigen Hipster-Hotspot am Rosenthaler Platz. Das passt ganz gut zu dem unangepassten Mann, der sich um Mainstream nicht schert und lieber Extreme und Experimente sucht. Wie den in einer einzigen Einstellung gedrehten Berlin-Thriller „Victoria“, mit dem er schon 2014 auf der Berlinale war. Oder Jakob Lass’ Seelen- und Sexdrama „Love Steaks“, mit dem er sich in den deutschen Film förmlich eingebrannt hat.

Dabei trägt Rogowski einen kleinen Makel im Gesicht, der ihn früher für diesen Beruf ausgeschlossen hätte: eine Spalte an der linken Oberlippe, die seine Artikulation nicht immer gleich verständlich macht. Wohl auch deshalb sucht er gern Filme, die nicht so dialoglastig sind, wo er vor allem physisch agieren muss. Denn das kann der ehemalige Tänzer gut, alle schwärmen von seinem muskulösen Körper. Hasenscharte und Holzfällerstatur, das schafft einen interessanten Kontrast, das ist ein Widerspruch, der auch Rogowskis Regisseure zu stimulieren scheint. Spielt er einen verunsicherten Mann, kann immer wieder das Rohe, Körperliche durchbrechen. Spielt er einen starken Charakter, weiß er das durch leise Töne zu brechen.

Auch im persönlichen Gespräch ist Rogowski kein Mann der vielen Worte. Er antwortet fast unhöflich knapp, weiß aber prägnant kleine Pointen zu setzen. Etwa wenn es darum geht, ob es wegen seines Sprachfehlers anfangs Vorbehalte gab. Ja, schon, druckst er herum. Die gebe es auch immer noch. Und dann ein großer Satz: „Ich begrüße den Sprachfehler im deutschen Film.“

Rogowski ist 1986 in Freiburg geboren. Sein Großvater war der ehemalige BDI-Präsident Michael Rogowski. Mit der Schule hatte es der Enkel nicht so, die Entscheidung für die darstellenden Künste war vor allem eine gegen die Schule. Er landete beim modernen Tanz, kam nach Berlin, wo er sich erst mal als Fahrradkurier verdingte. Und dann bei der Schaubühne für ein Tanzstück von Constanza Makras bewarb. Mit einer Bewerbung für Fahrradkuriere! Er wurde trotzdem genommen. War dann einige Jahre Ausdruckstänzer. Vor allem der Choreograf Philipp Gehmacher hat ihn inspiriert. Der nennt seine Arbeit „Mumbling Fish“, stammelnder Fisch. „So“, meint Rogowski, „kam ich mir auch vor.“ Erst langsam kam er dann zum Wort. Und zum Schauspiel.

Zum Film kam er durch einen weiteren Zufall. Bei einem Film des Berliner Impro-Regisseurs Jakob Lass sollte er Statisten choreografieren, als ein Schauspieler ausfiel, musste er einspringen. Das gefiel Lass so gut, dass er ihm in „Love Steaks“ eine Hauptrolle gab. Der Durchbruch für Rogowski.

Seither hat er das, was man einen Lauf nennt. Er hat gerade mit Angela Schanelec gedreht, klassische Berliner Schule, aber auch mit dem kultisch verehrten US-Regisseur Terrence Malick. Auch das Ausland wird auf ihn aufmerksam. Und der Sprachfehler ist da keine Hürde, scheint eher ein Markenzeichen zu sein. Zu dem er denn auch selbstbewusst steht.

Seinen Körper trainiert Rogowski heute nicht mehr mit Tanz. Sein Lieblingssport ist Bouldern, Klettern ohne Absicherung. Ist das auch eine gute Praxis, um sich fürs Filmbusiness zu wappnen? Ist das sogar eine Metapher darauf? „Das kann man als Metapher für vieles sehen“, meint Rogowski. „Es gibt versierte Kletterer, die sehr humorlos gegen die Wand treten, weil sie einen bunten Griff nicht halten können. Sich eigene Probleme suchen und damit umgehen, ist für mich elementar im Leben.“ Die Berlinale zu meistern, ist also auch nur ein weiterer bunter Griff, den es zu halten gilt.