Kultur

„Eine Kulisse für alle Opern“

Ivan Fischer liebt und kritisiert die Tradition: In Vicenza gründet der Chefdirigent des Konzerthauses ein Festival

Der Berliner Dirigent Ivan Fischer brennt für ein neues Projekt: In der norditalienischen Stadt Vicenza will er im Oktober ein Opernfestival gründen, das seiner alternativen Idee der Opernpflege entspricht. Bereits am Konzerthaus am Gendarmenmarkt, wo Fischer (67) noch bis zum Sommer Chefdirigent ist, hat er einige dieser sogenannten szenischen Konzerte vorgeführt und ausprobiert. Hinter dem Modell verbirgt sich sein großes Misstrauen gegenüber Opernregisseuren. Der gebürtige Ungar erinnert sich bei der Pressekonferenz am Freitag daran, wie er als Chef der Kent Opera in Großbritannien das erste Mal auf die Idee kam. Am Anfang stand eine technische Panne, der eiserne Vorhang ließ sich nicht öffnen. Die Sänger agierten also in ihren Kostümen auf dem schmalen Streifen davor. Diese „Traviata“ sei „ein Wunder“ gewesen, sagt Fischer.

Der Dirigent sitzt daheim in seiner Dahlemer Villa entspannt auf dem Sofa, es gibt eine Live-Schaltung nach Vicenza, wo der Bürgermeister das Projekt vorstellt. Für Opernliebhaber kann Vicenza schon ein Sehnsuchtsort sein. 1585 wurde dort das Teatro Olimpico eröffnet, ein Palladio-Bau, während ein Freundeskreis von Intellektuellen darüber diskutierte, wie man das Theater der römischen und griechischen Antike wiederbelebt. In Florenz und später Neapel bildete sich schließlich die Oper heutiger Prägung heraus.

Opernhäuser beschreibt der Dirigent wie Maschinen

Fischer schwört auf das einzigartige Bühnenbild im Teatro, das Bühnenarchitekt Vincenzo Scamozzi hinterlassen hat. Die historische Bühnenrückwand gibt durch drei Portale den Blick auf eine Kulissenstadt frei, die Theben darstellen soll. Eine Einheitskulisse für alle Stücke? Fischer spricht von der „Oper in einer ständigen Installation“. Für ihn sei es eine wichtige Idee jener Menschen, die einst die Oper erfunden haben. Der Berliner Dirigent glaubt, dass sich die aktuelle Entwicklung der Oper erschöpft hat. Der Opernbetrieb bleibe akustisch konservativ und lebe nur von der visuellen Erneuerung. Oder anders gesagt: Die Regisseure sollen das ausbaden, was sich in den Strukturen verfestigt hat.

Fischer, der Opernliebhaber, ist zugleich einer der schärfsten Kritiker. „Ich habe früher viel Oper dirigiert“, sagt er, aber er möchte keinen Bühneneingang mehr betreten. Die Häuser beschreibt er wie Maschinen, große Teile seien künstlerisch nicht wirklich interessant, obendrein werden die Strukturen durch Gewerkschaften versteift. Also werden von außen Regisseure verpflichtet, die etwas Neues machen sollen. Er selbst hält nicht viel davon.

Als Musiker hat Fischer auch tiefergehende Kritikpunkte an der Opernentwicklung. Es hat einiges mit moderner Technik und dem Workflow zu tun. Die Opernhäuser sind immer größer geworden, das Orchester sitzt tiefer, der Schnürboden, von wo aus die Kulissen heruntergelassen werden, wurde immer höher. Es schluckt die Stimmen der Sänger, sagt er. Dazu kommt auch, dass die Instrumente über die Zeit hinweg immer moderner und leistungsfähiger wurden. Alles ist auseinandergerückt. Fischer dagegen ist ein Dirigent, der die größte Nähe zwischen Orchestermusikern und Sängern sucht. In seinen „szenischen Konzerten“ agieren die Orchestermusiker und Sänger buchstäblich Schulter an Schulter.

Der Dirigent bedauert es auch, dass die Zeit der großen Korrepetitoren vorbei ist. Die haben am Klavier mit den Künstlern die Partien einstudiert und konnten die besten Sängerzusammenstellungen vornehmen. Heute verhandeln Castingchefs und Agenturen miteinander, die Mischungen sind eher zufällig. Wenn Fischer über den Opernbetrieb spricht, klingt es irgendwie nach einem Modekonzern.

Mit Verdis „Falstaff“ wirddas Opernfestival eröffnet

Verdis Oper „Falstaff“ wird am 12. Oktober in Vicenza Premiere haben, Ivan Fischer ist der Dirigent und Regisseur. Aber es gibt mit Marco Gandini einen weiteren Regisseur – einen richtigen. Das Doppel-Modell will Fischer beibehalten. Für das Projekt wurde eine eigene Gesellschaft gegründet. Die Ivan Fischer Opera Company (IFOC) ist ein Satellit des Budapest Festival Orchestra. Dahinter verbirgt sich ein flexibles Ensemble, das Fischer 1983 in seiner Geburtsstadt Budapest gegründet hat und dem er bis heute als Musikdirektor vorsteht. Zu den Satelliten gehören auch Konzerte in Pflegeheimen, Kirchen und vergessenen Synagogen auf dem Lande, Mitternachtsmusiken und jetzt auch die Opernprojekte. Eine Oper soll pro Jahr erarbeitet werden. Dafür entwickelt eine britische Firma zusätzlich zum historischen Standort Vicenza das Modell von Lichtinstallationen. Mit diesem modernen Rahmen soll die Oper dann auch auf Reisen gehen – und auch nach Berlin kommen.

Das Prinzip des Miteinanders hat Fischer auch am Konzerthaus gefördert. Gemeinsam mit Intendant Sebastian Nordmann hat er verschiedenste Formate entwickelt und ausprobiert. Nach seinem Ausscheiden als Chefdirigent – Christoph Eschenbach tritt 2019 die Nachfolge an – wird Fischer als Ehrendirigent jährlich in den Aboreihen vier Projekte leiten. Mit dazu gehört das „Mittendrin“, eines der originellsten Projekte am Gendarmenmarkt. Für das Konzertprogramm rücken die Orchestermusiker auseinander und das Publikum setzt sich dazwischen. Und der Dirigent ist immer mittendrin.