Kultur

Musikalisches Schweigen

Nikolaus Brass’ „Sommertag“ beeindruckt in der Neuen Werkstatt der Staatsoper

Mit der Explosion eines Kontrabass-Tons beginnt in der „Neuen Werkstatt“ im Intendanzgebäude der Staatsoper das Stück „Sommertag“. Die Regisseurin Eva-Maria Weiss inszeniert hier die Musiktheater-Fassung eines Dramas des norwegischen Autors Jon Fosse – nicht lange ist es her, da gab es mit „Morgen und Abend“ in Berlin, an der Deutschen Oper, eine andere ungewöhnliche Musiktheaterarbeit nach einer Fosse-Vorlage zu bestaunen. Damals – man konnte es gut finden oder nicht – ging es auf schmerzhaft langweilige Art um den Sinn oder Nicht-Sinn des Menschseins. Fosses Stücke handeln alle von so etwas, wenn es auch in „Sommertag“ um einen vermeintlich eher greifbaren Gegenstand, eine Beziehung zwischen Frau und Mann geht.

Gemeinsam mit dem Kontrabass tritt zunächst die Sopranistin Olivia Stahn auf. Sie steht in einem Haufen von zum Umzug verpackten Möbeln. Ausstatterin Lisa Fütterer visualisiert damit die jahrelange Unentschiedenheit der Frau, nach dem Verschwinden ihres Mannes Asle endlich das frühere Leben hinter sich zu lassen. Der Möbelhaufen könnte zugleich das steil aufragende Fjord sein, zu welchem der verschwundene Ehemann Asle täglich aus seiner Beziehung entfloh und irgendwann gar nicht mehr zurückkehrte. In einer Ecke der kleinen Werkstatt spielt unter Leitung von Max Renne ein mit Klarinette und Bassklarinette erweitertes Streichtrio dazu sparsame Töne, in einer anderen erklingt das Akkordeon als Erinnerung an den verschwundenen Mann.

Das Musiktheater des Komponisten Nikolaus Brass, das bereits 2014 uraufgeführt wurde, geht mit dem intimen Raum tatsächlich eine zauberische Symbiose ein. In merkwürdig zeitenthobenen Augenblicken verschlingen sich die Stimmen der Frau und ihres Alter Ego, der jungen Frau, die sie einmal war beim Einzug in dieses Idyll. Sarah Aristidou in dieser Rolle singt in stotternden Anläufen. Ihre Hemmung mündet in hochexpressiven Gesang. Gemeinsam mit Olivia Stahn sowie der Mezzosopranistin Anne Schuldt als wiederum Alter Frau, die endlich den Entschluss zum Ausziehen fassen kann, wird über andert­halb Stunden eine bewundernswerte musikdramatische Spannung aufgebaut, in einem eigentlich handlungslosen Stück. Geschenkt sei dabei, dass die über allem schwebende Melancholie auch schon mal Hänger und Redundanzen erzeugt.

Wiewohl Männer in dem Stück von Fosse der Idee nach kaum eine Rolle spielen, gelingt namentlich das intime Schweigen zwischen der Frau und dem eigentlich längst verschwundenen Asle – zu Beginn darf Tenor Matthew Peña als Asle noch beeindruckend schöne und durchdringende Töne produzieren – als eine beeindruckende Form von antidramatischer Handlung. In der ex­tremen Stille scheint das fast zu privat zu sein. Wie das Thema. So etwas musikalisch zu fassen, muss erst mal gelingen.

Staatsoper Unter den Linden, Neue Werkstatt, Hinter der Katholischen Kirche 1: Wieder am 16.2., 21.2., 23.2., 1.3., 3.3.

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