Museum für Fotografie

700 Kisten Nachlass von Leni Riefenstahl für Berlin

Im Museum für Fotografie in Berlin soll das Erbe der NS-Filmemacherin Leni Riefenstahl gesichtet und dann auch ausgestellt werden.

Diva unter Nazis: Leni Riefenstahl gibt Regieanweisungen für ihre Dokumentation über den Nürnberger NSDAP-Parteitag 1934

Diva unter Nazis: Leni Riefenstahl gibt Regieanweisungen für ihre Dokumentation über den Nürnberger NSDAP-Parteitag 1934

Foto: dpa

Berlin. 101 Jahre Leben in über 700 Umzugskisten. Leni Riefenstahl hat zu Lebzeiten, so erzählt es ihre ehemalige Sekretärin Gisela Jahn, gewünscht, dass ihr Nachlass einmal in ihre Heimatstadt Berlin geht. Dort, wo sie 1902 geboren wurde, ehe sie zur umstrittensten Filmemacherin und Fotografin ihrer Generation wurde, weil sie Propagandafilme für die Nazis drehte. Ihre makellosen Körperskulpturen entsprachen dem Schönheitsideal Hitlers.

Eine Verfügung über den Nachlass hat Riefenstahl allerdings nie gemacht. Die Schenkung kommt von Jahn selbst, die nach dem Tod von Riefenstahls Ehemann Horst Kettner 2016 Alleinerbin ist. Bis dahin hatte dieser in dem gemeinsamen Haus in Pöcking am Starnberger See gelebt – umgeben von den heiklen Vermächtnissen seiner Frau.

Hermann Parzinger hat den Schenkungsvertrag für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) vor neun Tagen in München unterschrieben. Es musste schnell gehen, Jahn ist erbschaftssteuerpflichtig und muss sehen, wie sie die Dinge finanziell regelt. Es ist ein großer Nachlass: Filme, Manuskripte, Briefe, Akten und Dokumente, dazu Riefenstahls Schreibtisch, ihre Schneidetische und einige Kleidungsstücke, all das befindet sich nun in einem Depot im Südosten der Stadt.

Drei Propagandaproduktionen in den Jahren 1933 bis 1935

Parzinger weiß, dass der Nachlass mit einer starken Verantwortung verbunden ist. Genauso wie er die Verpflichtung hat, die Objekte in der Sammlung des Ethnologischen Museums auf ihre koloniale Biografie hin zu untersuchen, bevor sie ins Humboldt Forum einziehen. Die "kritische Auseinandersetzung" mit Riefenstahl und ihre "Rolle im Nationalsozialismus" spiele eine "zentrale Bedeutung" bei der Aufarbeitung dieses Nachlasses, sagt er. In drei Jahren, zwischen 1933 bis 1935, drehte Riefenstahl gleich drei Propagandaproduktionen, darunter "Triumph des Willens".

Der Mann der Stunde ist derzeit Ludger Derenthal, Chef des Museums für Fotografie am Zoo, hier soll der komplette Nachlass aufgearbeitet, betreut und künftig ausgestellt werden. "Ein fantastischer Nachlass, aber einer, der sehr schwierig ist", sagt auch er. "Wir haben einen hohen Anspruch, wir können da keinen Schnellschuss machen." Damit meint er die wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung des Erbes.

Wie bei allen Nachlässen heißt das, zunächst erst einmal sorgfältig sichten. Es gibt andere Nachlässe mit Bezug zur Nazizeit wie den von Willy Römer. Er hat auch in den 30er-Jahren fotografiert, und von ihm weiß man, dass er einen jüdischen Kompagnon hatte, und daher sehr große Schwierigkeiten mit den Nazis.

"Aber auch diese Fotografie ist ja nicht reine Fotografie, sondern steht in einem historischen Kontext. Das gilt für Riefenstahl insbesondere, das gilt für die Fotografien, die sie nach 1945 gemacht hat, ihre Reisen zu den Nubas, selbst die Unterwasserfotos von Korallen sind nur in dem Zusammenhang zu sehen mit den Arbeiten, die in den 30er-und 40er-Jahren entstanden", meint Derenthal. Er nimmt dabei das Gesamtwerk in den Blick. Es gibt die Kritik, dass ihre Fotos nach 1945 Eskapismus gewesen seien.

Ganze Regale voll von Presseberichten

Ludger Derenthal konnte sich in Pöcking einen ersten Überblick in der Riefenstahl-Villa aus den 60er-Jahren verschaffen. Danach rückte das siebenköpfige Berliner "Bergungsteam" an, um in nur einer Woche all das einzupacken, was bewahrenswert schien. Regale, Tresore, Stapel – in unterschiedlichen Kategorien aufgeteilt, die nur Riefenstahl, ihr Mann und die Sekretärin genau kannten. Sein erster Eindruck: Riefenstahl sammelte umfassend.

"Wir standen davor und mussten erst mal sehen, was ist da – und wie geht man damit um?", erzählt der Fotoexperte. Diese Ordnung in der Wohnung wurde in den Kisten übernommen. "Wir werden dann", ergänzt er, "wenn wir den Bestand intensiver sichten, in die archivarische Sortierung übergehen. Jetzt lässt sich noch rekonstruieren, wie die Dinge in der Villa untergebracht waren."

Dennoch kann er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, ob auch vor 1945 hinreichend gesammelt wurde. "Doch wenn man vor einer ganzen Schrankwand mit Aktenordnern voller Presseausschnitte steht, weiß man, dass Leni Riefenstahl ein großes Interesse an der Dokumentation der eigenen Wirkung in der Öffentlichkeit hatte."

Er kann sich gut vorstellen, dass eine erste Ausstellung ihre Projekte aus der Zeit des Nationalsozialismus thematisiert. "Es wird keine Retrospektive sein, dafür ist das Œuvre zu umfangreich." Auf den Termin der ersten Ausstellung mag er sich nicht festlegen. Die wissenschaftliche Tiefenbohrung des internationalen Forschungs- und Archivteams braucht vor allem Zeit. Dann müssen leidige Anträge geschrieben werden, um Drittmittel für das Projekt einzuwerben. "Wir haben noch keinen festen Zeitrahmen, weil sich das noch nicht absehen lässt."

Mit einem Brief und einem Foto ist Riefenstahl bereits jetzt in der Dauerausstellung "Private Propertys" von Helmut Newton vertreten. Die Filmemacherin und Fotografin war mit dem smarten Modefotografen, ebenfalls gebürtiger Berliner, befreundet, die beiden besuchten und fotografierten sich gegenseitig. Sie schrieb ihm, er schrieb ihr.

Ludger Derenthal ist an diesem Dienstagmittag in Eile. In der Stiftung gibt es eine seit Längerem anberaumte Konferenz zum Thema "Umgang mit dem Medium Fotografie". Die Aufarbeitung des Erbes Riefenstahls wird vermutlich ein zentraler Punkt sein. Eine Ausstellung ist ein wichtiger Schritt zur Aufarbeitung.

Mehr zum Thema:

Berliner Stiftung bekommt Nachlass von Leni Riefenstahl

Die große Illusion: Die Ufa wird 100

Zum 25. August 1933 - Leni Riefenstahl filmt den Reichsparteitag

KZ-Insassen als Komparsen: Film über Riefenstahl geplant

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.