Kultur

Robin Ticciati dirigiert Pathos und Düsterkeit

Robin Ticciati ist der neue Simon Rattle. So scheint es zumindest, wenn man die Dinge rein äußerlich betrachtet: Beide sind Engländer, beide hatten Schlagzeugunterricht, bevor sie zum Dirigieren wechselten. Beide verfügen sie auch über eine schier grenzenlose Repertoire-Neugier und haben in Berlin bei ihren Amtsantritten euphorische Aufbruchsstimmungen erzeugt – Rattle anno 2002 bei den Philharmonikern, Ticciati in dieser Spielzeit beim Deutschen Symphonie-Orchester (DSO).

Und dann ist da noch jener ganz ähnliche Geschmack, was die Zeitgenössische Musik angeht: Komponisten, die ziemlich direkt an Gustav Mahlers spätromantische Sinfonik anknüpfen. Komponisten, die sich nicht scheuen, ihrem Publikum in Sachen Klangsinnlichkeit maximal entgegenzukommen. Wie zum Beispiel der Finne Magnus Lindberg: In der Ära Rattle stand er einige Male auf dem Programm der Berliner Philharmoniker, nun bringen ihn auch Ticciati und das DSO in der Philharmonie zur Aufführung. Und zwar Lindbergs „Chorale“ aus dem Jahr 2002, ein Sieben­minüter über den Bach-Choral „Es ist genug“. Ein neoromantisches Lindberg-Werk, das Ernst und Stolz verströmt, Pathos und Düsterkeit. Trotz der sehr breit verschmelzenden Streicher und Bläser ist die Melodie des Bach-Chorals allgegenwärtig spürbar. Angereichert durch Dissonanzen, die zwischen herber Archaik und milder Gegenwart changieren.

Natürlich ließe sich daran sehr gut das expressionistische Violinkonzert von Alban Berg anschließen, da es den gleichen Bach-Choral verwendet. Doch die Berliner Philharmoniker sind dem DSO in dieser Woche damit knapp zuvorgekommen – weshalb man Ticciati dankbar sein muss, dass er jetzt ein anderes Werk von Alban Berg wählt: die „Sieben frühen Lieder“, ein Zyklus, der noch ganz im spätromantischen Stil gehalten ist. Mezzosopranistin Karen Cargill fasziniert hier zwar mit einer Fülle improvisierter Klangfarben, ihre Textverständlichkeit dagegen lässt sehr zu wünschen übrig. Das DSO sorgt derweil für ein weiches Sängerbett, ohne gestalterisch ins Detail zu gehen.

Und vielleicht ist gerade dies der entscheidende Unterschied zwischen Simon Rattle und Robin Ticciati. Denn jene Detailbesessenheit Rattles, die bei seinen Auftritten mit den Philharmoniker so häufig zum Vorschein gekommen ist, teilt Ticciati nicht im Geringsten. Lieber verlangt er blühende Landschaften, so weit das Ohr reicht – wie nun auch in Bruckners Sechster Sinfonie nach der Pause. Es ist ein musikantischer Bruckner ohne feste Architektur und religiösen Überbau. Ein Bruckner, der im Kopfsatz nach pathetischem Tschaikowsky klingt und im Finale nach elegantem Mendelssohn.

Für Ticciati und das DSO hat diese Bruckner-Sechste spürbaren Generalprobencharakter: In den nächsten Tagen werden sie damit zum ersten Mal gemeinsam auf Deutschland-Tournee gehen und Station in Frankfurt, Hamburg und Essen machen. Dann ohne die Orchesterlieder von Alban Berg, denn die müssen dem sehr viel populäreren Sibelius-Violinkonzert und Geiger Christian Tetzlaff weichen.