Kultur

Der Koran und eine Schreibblockade

In „The Who and the What“ – Die Geschichte einer muslimischen Familie

Seit einigen Monaten prüft Afzal heimlich Heiratskandidaten für seine Älteste auf Herz und Nieren. Dafür hat er Zarinas Profil auf muslimlove.com hochgeladen und gibt sich als seine Tochter aus. Als die herausfindet, was ihr Vater treibt, ist sie sauer. Erst hat Afzal ihr die Hochzeit mit einem Nichtmuslim verboten und jetzt wird er auch noch übergriffig. Doch was soll’s? Da Zarina eine Schreibblockade hat und mit ihrem Roman nicht vorankommt, trifft sie sich eben mit Eli. Einem Konvertiten, der einer Moschee vorsteht und eine Suppenküche für Arme leitet. Immerhin von Afzal als Ehekandidat für tauglich befunden.

Pulitzer-Preisträger Ayad Akhtar erzählt in seinem Stück „The Who and the What“ die Geschichte einer muslimischen Familie, der es anfangs noch scheinbar gelingt, Religion und modernen Lebensstil zu verbinden. Bettina Rehm hat das Drama in der Vagantenbühne zurückhaltend inszeniert. Im Fokus stehen nuancierte Charaktere mit unterschiedlichen Haltungen zur Tradition und der Rolle der Frau im Islam. Eine Familienaufstellung, die unaufhaltsam der Zerstörung entgegengeht.

In satte Farben getaucht, wird die Bühne mit dem zweistufigen Podest nach und nach zum Raum für so wortgewaltige wie hochemotionale Auseinandersetzungen. Zunächst aber beginnt alles ganz leise. Patriarch Afzal (Jürgen Haug) thront oben auf einem Taxifahrer-Sitz. Der pakistanische Einwanderer hat es schließlich vom einfachen Taxifahrer zum größten Taxiunternehmer der Stadt gebracht. Er lebt nach außen den American Way of Life. Seine Töchter sind unverschleiert, und nie war er stolzer als in jenem Moment, als seine Zarina (Natalie Mukherjee) nach Harvard ging. Auch seine Jüngere, Mahwish (Sabrina Amali) hat bald ihre Pflege-Ausbildung abgeschlossen.

Selbst wenn Afzal seinen Töchtern als liebevoller Vater eine gewisse Eigenständigkeit zugesteht, ist er ein konservativer Muslim. Ein gestrenger Betonkopf in religiösen Dingen. Mahwish versucht, sich auf ihre Art daran zu halten, und bleibt vor der Ehe Jungfrau. Der Analverkehr, zu dem ihr Freund sie nötigt, zählt da nicht. Zarina indes bewahrt ein viel schwergewichtigeres Geheimnis. Ihr Vater denkt, die 15 Biografien des Propheten Mohammeds in ihrem Regal seien Ausdruck ihrer religiösen Ehrfurcht. Mitnichten. Zarina begreift den Koran als literarische Vorlage und arbeitet an einem Roman, der den Propheten als überforderten Menschen mit fragwürdigen sexuellen Absichten zeigt. Eli unterstützt sie darin, hilft ihr über die Schreibblockade hinweg. Dann fällt Afzal das Manuskript in die Hände. Die provozierende weibliche Sicht auf einen strauchelnden Mohammed bringt seine patriarchalische Welt ins Wanken. Er befiehlt Zarina, ihr Werk zu zerstören. Die widersetzt sich. Für Afzal Grund, sich zu entscheiden: Zwischen seiner Religion und seiner Tochter.

Die Wucht des erodierenden Zusammenhalts der Familie führt das Stück weit über das Thema Religion hinaus. Es geht um zutiefst Menschliches, um Liebe. Auch in schweren, unsicheren Zeiten. Sichtbar, geradezu nachfühlbar gemacht werden innere wie äußere Konflikte durch die vier beeindruckenden Schauspieler. Sie ziehen einen hinein in ihre Geschichte, die lange nachwirkt.

Vagantenbühne, Kantstr. 12a, Charlottenburg, Tel. 312 45 29, 10.2., 14.–17.3., 27., 28. & 30.4. um 20 Uhr