Staatsoper

Kein Traum: Auf dem Sprung ins Ensemble

Das Internationale Opernstudio wird zehn. Junge Talente lernen, auf der großen Bühne zu singen - wie Gyula Orendt und Corinna Scheurle.

Wollten am Internationalen Opernstudio studieren: Gyula Orendt und Corinna Scheurle in der Kantine der Staatsoper

Wollten am Internationalen Opernstudio studieren: Gyula Orendt und Corinna Scheurle in der Kantine der Staatsoper

Foto: Amin Akhtar

Das ist ein Traum, der in Erfüllung geht. Da sind sich beide sicher. Das erste Mal auf einer Bühne wie dieser stehen, und dann die Meisterklassen, das Gesangstraining, der Schauspielunterricht. Gyula Orendt (32) und Corinna Scheurle (26) kommen ins Schwärmen, wenn es um das Internationale Opernstudio der Staatsoper geht, einer Art Trainee für Opernsänger. Orendt hat das Programm, das jungen Talenten den Sprung von der Uni ins Ensemble erleichtern soll, vor fünf Jahren abgeschlossen, Scheurle ist erst seit einigen Monaten dabei. Aufregend sei es bis jetzt, sagt sie. "Der Berufseinstieg ist das ja sowieso, aber an so einem Haus anzufangen, das ist noch mal etwas anderes", sagt sie und schaut an die Decke zu den Kronleuchtern. Klar, der Berufseinstieg ist in jedem Job heikel, aber der Sprung in ein renommiertes Ensemble schwieriger als der in ein mittelständisches Unternehmen. Das wissen Orendt und Scheurle. Daher wollten beide so gern nach Berlin, in dieses Programm, das jetzt zehn Jahre alt wird.

Am Dienstagabend wird ein Jubiläumskonzert gegeben

Um das Jubiläum des Opernstudios zu feiern, treten am Dienstagabend im Apollo-Saal einige Alumni auf, die man heute aus dem Ensemble der Oper kennt: Elsa Dreisig, Evelin Novak, Narine Yeghiyan, und Orendt. Das Besondere am Opernstudio ist, dass man von vornherein auf der Bühne steht und langsam in das System hineinwächst", sagt er und fügt an: "gleichzeitig kann man mit großen Künstlern arbeiten und seine Rollen mit genügend Zeit ausarbeiten." Es ist ein geschützter Raum, in dem man sich ausprobieren kann.

Als das Nachwuchsprogramm Ende 2007 ins Leben gerufen wird, gibt es weltweit noch nicht viel Konkurrenz. Auch wenn mittlerweile einige Opernhäuser nachgezogen haben – die Bayrische Staatsoper beispielsweise, auch die Komische Oper und die renommierten Häuser in London, New York und Paris fördern ihren Nachwuchs – fast nirgendwo ist man so schnell auf der Bühne wie hier. Zumindest war das bei Orendt so, im Spätsommer 2011.

Er ist gerade nach Berlin gekommen, singt die ersten Tage an dem Haus, als er für seine erste Rolle ausgewählt wird. Noch heute zieht er die Augenbrauen hoch, wenn er davon spricht. Denn Daniel Barenboim, der die künstlerische Gesamtleitung des Opernstudios inne hat, hat ihn ausgesucht, den Fiorello im "Barbier von Sevilla" zu spielen. Keine Anfängerrolle, eine der Hauptfiguren. Orendts Herz pocht wild, als er das hört. Dass er den Fiorello auch jetzt noch spielt, sieben Jahre später, das zeigt, wie gut die Rolle passt. "Das Haus achtet sehr darauf, was man wann singt. Sie schauen individuell, wie man gefördert werden muss und welches Stimmfach man hat", sagt Scheurle.

Beim Debüt klopft das Herz, da muss jeder Ton sitzen

Auch wenn man genügend Zeit hat, seine Rollen einzuüben, auch wenn man nicht überfordert werden soll, die ersten Monate sind nicht gerade stressfrei. Partienstudium, szenischer Unterricht, Bewegungstraining, Stimm- und Fremdsprachen-Coaching stehen auf dem Plan, dazu die Rollen in den Opern. "Die zwei Jahre gingen schnell um", sagt der Bariton und lächelt. Man begreife zuerst gar nicht, was man alles gelernt habe, wie oft man auf der Bühne gestanden hat. Ziemlich häufig – im besten Fall.

Das hofft auch Scheurle. Ihr Debüt hat sie bereits gefeiert, als Sandmännchen in "Hänsel und Gretel" vor wenigen Wochen. In Achim Freyers Inszenierung tanzt sie in einem riesigen Pappmascheekopf über die Bühne – eine kleine Rolle mit eigener Arie. Eine, in der man Feinheiten hört. Scheurle wusste also, alles muss sitzen, jeder Ton. "Es war eine Herausforderung für ein Debüt, aber wunderschön", sagt sie jetzt und grinst. Alles ist gut gegangen. Die nächsten Rollen stehen bevor.

Klar, im besten Fall wartet am Ende des Opernstudios ein fester Vertrag als Ensemblemitglied. Vielleicht, wenn man sich so unverzichtbar gesungen hat wie Orendt. Vielleicht, wenn man das Haus in dieser Zeit von sich überzeugt hat. Denn auch das können die beiden Jahre sein: eine Probezeit. "Es war kein harter Übergang, vom Studio ins Ensemble zu kommen, sondern ein sanfter Rutsch mit größeren Rollen", sagt Orendt dazu und streicht sich ein paar Strähnen aus der Stirn, "genau so habe ich es mir erträumt." Nach dem Opernstudio kamen große Rollen auf den gebürtigen Ungarn zu.

Die größte Hürde: das Vorsingen. Drei Runden müssen die Bewerber überstehen

Dass das Nachwuchsprogramm so bekannt ist, das liegt nicht nur am Unterricht und an der Anbindung ans Haus, es liegt auch am Stipendium, das die Teilnehmer erhalten. Mit dem können die Sänger ihr Operngehalt, das für kleinere Rollen eben schmal ausfällt, so ausbessern, dass sich niemand um die Miete sorgen muss. Denn ein Nebenjob wäre unmöglich. Scheurle ist von morgens bis abends an der Oper. "Das Sängersein ist ein Fulltime-Job", sagt die Mezzosopranistin und zieht die Schultern hoch, "es ist eine große Erleichterung, finanziell abgesichert zu sein."

Die größte Hürde dabei: das Vorsingen. Drei Auswahlrunden stehen zwischen den Bewerbern und einem Platz im Opernstudio. Den letzten Daumen streckt Barenboim in die Höhe. Bei Orendt war das in Wien. "Boah", sagt er heute, wenn er daran denkt und presst Luft durch seine Lippen. "Vorsingen ist viel schwieriger, als abends auf der Bühne zu stehen. Denn da hast du eine Rolle gut vorbereitet, du bist mit anderen dort oben." Aber wenn man weiß, dass man diese eine Arie sehr gut vortragen muss, und dass, wenn es nicht klappt, man einen Teil seines Lebens verbaut, dann klopft das Herz umso lauter. Bei Orendt hat es geklappt. "Wunderbar", hat Barenboim ihn gelobt. Und er wusste, er hat den ersten Sprung geschafft.

Jubiläumskonzert an der Staatsoper, Unter den Linden 7: Di., 13.2. 19 Uhr.

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