Kultur

Die reine Lehre von der Kraft des Rock ’n’ Roll

| Lesedauer: 3 Minuten
Peter E. Müller

The Sonics im Kreuzberger Lido mit einem umjubelten Konzert

Sie waren ihrer Zeit einfach voraus. Als die 1960 gegründete Band The Sonics aus Tacoma im US-Bundesstaat Washington 1965 ihr erstes Album „This Is The Sonics“ veröffentlicht hatte, war ihre Musik viel zu wild und hart für die damalige Welt, wurde von manchen Radiosendern nicht gespielt, galt als jugendverderbend. Dennoch landete The Sonics mit der ersten Single „The Witch“ einen Nummer-1-Hit. Nach zwei weiteren Alben löste sie sich 1968 wieder auf, nicht ahnend, dass eine neue Generation sie gerade mal zehn Jahre später als die Urväter des Garagenrock feiern würde, dass sie Punk und Grunge quasi vorweggenommen hat. Und unzählige Bands von den Cramps über Mudhoney und Nirvana bis zu den White Stripes nachhaltig motivierten. Die Sonics waren auf einmal Kult.

Und sie sind es noch. Denn seit sie sich 2007 nahezu in Originalbesetzung wieder vereint haben, verbreiten die Sonics in ihren Konzerten die reine Lehre von der unverwüstlichen Kraft des Rock ’n’ Roll. So auch am Sonntagabend im nahezu ausverkauften Lido in Kreuzberg. Als die Truppe nach einem charmant-düsteren Vorprogramm der in Berlin lebenden Britin Gemma Ray die Bühne entert, ist vom ersten Ton an kein Halten mehr.

In wuchtigem Sound stampft „Cinderella“ vom 65er-Debüt-Album in den Saal und bringt das auffallend junge Publikum mächtig auf Touren. Diese reifen Herren in einheitlicher Bühnengarderobe machen jede Menge Druck. Das imponiert. Altersbedingt wechselte die Besetzung freilich über die Jahre. Die Originalmitglieder sind schließlich inzwischen in den Siebzigern, zogen sich nach und nach zurück.

Im Lido ist als einziges Gründungsmitglied der Saxofonist und Bluesharp-Spieler Rob Lind auf der Bühne, der sich aber auf ein eingespieltes Musikerteam verlassen kann, das seine Sonics-Lektion gelernt hat: Dick-Dale-Schlagzeuger Dusty Watson, Sänger und Bassist Don Wilhelm, Gitarrist Evan Foster und Neuzugang Jake Cavaliere von den Lords of Altamont an den Keyboards.

Kantig, kompakt und konsequent entführen die Sonics mit ihren kaum dreiminütigen Teenagerhymnen von gefährlichen Liebschaften und gefährlich schnellen Autos auf eine Zeitreise in die 60er-Jahre – mit dem Sound und der Erfahrung von heute. All ihre Klassiker haben sie im Repertoire, „Sugaree“ und „Boss Hoss“, „Psycho“ und „Strychnine“, „Have Love Will Travel“ und natürlich „The Witch“. Dazwischen streuen sie jede Menge zeittypische Rock-’n’-Roll-Klassiker, darunter Eddie Cochrans „C’mon Everybody“, „Louie, Louie“ von den Kingsmen oder Little Richards „Keep A Knockin“.

Die Menge tobt und tanzt und jubelt, gibt sich ganz diesem ebenso schlicht gestrickten wie grandios gespielten Klanggewitter hin. Der Applaus ist euphorisch. Drei Zugaben sind gewiss.