Kultur

Mit Ironie und Innigkeit zugleich

Ein bunter Abend mit dem Konzerthausorchester

Es ist ein bunter Abend mit dem Konzerthausorchester am Gendarmenmarkt unter Leitung des japanischen Dirigenten Yutaka Sado. Zusammengehalten wird er eventuell von dem Gedanken, dass auch im klassischen Kulturbetrieb Deutschlands sich nicht stets alles um die deutsch-österreichische Musiktradition drehen muss. Edward Elgars Serenade für Streichorchester ist hier noch das am meisten europäische Stück. Es ist die Art des Briten, sich den Klang der Streicher und ihre Behandlung von seinen älteren Kollegen Brahms und Dvořák anzueignen und zu etwas Eigenem umzuformen. Die Streicher am Gendarmenmarkt können hier eine Eigenart ausspielen, die sehr an die Klangcharakteristika deutscher Vorkriegsorchester erinnert und vor allem in den Streicherapparaten der ehemaligen DDR-Orchester erhalten blieb. Es stimmt froh, dass das mittlerweile um eine ganze Generation verjüngte Personal des Konzerthausorchesters diese Qualitäten so sorgsam pflegt.

Einem Komponisten des Abends wie Sergej Rachmaninow ist allerdings mit solcher Kultur nicht so recht beizukommen, jedenfalls nicht in der "Rhapsodie über ein Thema von Paganini für Klavier und Orchester". Für US-Orchester schrieb Rachmaninow perlend virtuose Musik über perlend virtuose Musik, und für diese hat das Konzerthaus die goldrichtige Solistin verpflichtet: Paganinis bekanntes a-moll-Thema, von Rachmaninow schon bald nach Beginn ziemlich gezerrt und gequetscht, wird von Anika Vavic am Klavier nach allen Regeln der Kunst bearbeitet, ohne dass im quirligen Geschehen auch nur eine Note unter die Tastatur des Steinway-Flügels fällt.

Nach der Pause darf Gastdirigent Yutaka Sado die Musik seines großen Mentors Leonard Bernstein präsentieren – als Gegengewicht zur Streicherserenade des Anfangs zunächst die "Prelude, Fugue und Riffs" für Jazz-Bläser. Das Blech und die Saxofone, die den Konzerthaus-Klarinettisten Ralf Forster begleiten, übertönen diesen zwar auch mal frech – doch gerade dadurch wird dies zu einer Darbietung, wie sie tendenziell unterbelichtete Bläser eines großen Kulturorchesters schon mal brauchen können. Schließlich sind nach den drei Tanzepisoden aus Bernsteins frühem Musical "On the Town" auch die Streicher wieder dran, und durchaus nicht lediglich als Sättigungsbeilage: Der 7/8-Walzer aus Bernsteins rhythmisch betont schrägem "Divertimento" für Orchester aus dem Jahr 1980 hebt das Spiel der Streichersolisten – darunter den formidablen Bratschisten Ferenc Gábor und den bescheidenen, doch klangschönen Cellisten Friedemann Ludwig – wie Plastikdiamanten auf einem von der Discokugel beleuchteten Mädchentop hervor, mit Ironie und Innigkeit zugleich.

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