Kultur

Harmonie in Farbe

Nierendorf ist Berlins älteste Galerie: Jetzt entdeckt sie zwei eigenwillige Maler des Spätexpressionismus wieder

Die Galerie Nierendorf wartet wieder mit einer Ausstellung auf, die alle marktgängigen Klischees durchbricht. Franz Xaver Fuhrs (1898–1973) von scharfer Linearität geprägte „grafische Malerei“ begegnet dem eher harmonische Motive wie Mutter und Kind bevorzugenden Otto Herbig (1889–1971). Zwei sehr gegensätzliche Künstler. Beide waren während der Nazizeit vom Ausstellungsverbot betroffen. Beide verbindet das geschichtsträchtige Fluidum gerade dieser Räume an der Hardenbergstraße.

Dass Nierendorf die älteste Galerie Berlins ist und stets unkonventionelle Künstler gefördert hat, wissen Insider. 1920 in Köln gegründet, 1925 nach Berlin umgezogen, haben Karl und Josef Nierendorf von Anfang an Otto Dix, Emil Nolde und Paul Klee ausgestellt, dann auch Otto Mueller, Lyonel Feininger, Ludwig Kirchner und viele andere, später verfemte Maler. Diese expressionistische „klassische Moderne“ wurde zu einem Markenzeichen der Galerie.

In den finsteren Jahren des Nationalsozialismus musste die Galerie schließen; Karl Nierendorf emigrierte nach New York. 1955 versuchten Florian Karsch, Stiefsohn von Josef Nierendorf, zusammen mit Meta Nierendorf in Tempelhof, Manfred-von-Richthofen-Straße 14, mit Restbeständen den Neuanfang. Sie knüpften an die Tradition an. Aber Karsch, der 2015 verstorbene Seniorchef, nahm auch immer wieder jüngere Künstler in sein Programm. Was nicht verwundert, schließlich waren Dix und Co. auch jung, als sie ihre ersten Bilder bei Nierendorf präsentierten.

Franz Xaver Fuhr liebte städtische Motive

Franz Xaver Fuhr wurde bereits 1928 in der damals als GmbH firmierenden Galerie Neumann-Nierendorf ausgestellt. Der Autodidakt, der es bis zum Villa-Romana-Preis (der älteste deutsche Kunstpreis, der seit 1905 verliehen wird) geschafft hatte, geriet wegen „kulturpolitischer Unzuverlässigkeit“ in Ungnade. 1936 verfügte die Reichskunstkammer ein Malverbot, das von der Gestapo überwacht wurde. Trotzdem wagte Karl Nierendorf noch 1937, Fuhrs Werke in einer Einzelausstellung zu zeigen. Es folgten eine Präsentation in der neu eröffneten New Yorker Galerie Nierendorfs und erst 1958 wieder eine Auswahl in der Ladengalerie Meta Nierendorf.

Was ist das Reizvolle an Fuhrs Gemälden? In frühen Jahren, von Cézanne beeinflusst, malte er noch impressionistisch, probierte kurze Zeit die „Neue Sachlichkeit“, jedoch schon mit kubistischen Elementen. Das Meiste kann dem Spätexpressionismus zugeordnet werden – und bezeugt doch einen ganz eigensinnig experimentellen Stil. Er liebte städtische Motive. Strenge Linearität und ein Hell-Dunkel-Kontrast bestimmten seine frühen Bilder. Schwarz und Weiß (wir kennen die vielen Schattierungen) wurden bei ihm zur Farbe, wie der Galerist und Kunstsammler Wilko von Abercron bemerkte. Das großformatige Ölbild „Pfarrkirche St. Kilian“ (Heilbronn) steht für diese Schaffensphase. Hier schon, wie bei den späteren Gemälden, sind die langen Konturlinien mit weißem Pinsel gezogen – bei keinem anderen Maler so zu sehen. Die Kathe­drale wirkt geradezu technisch exakt gezeichnet, und doch geht von ihr eine geheimnisvolle Stimmung aus.

Bei „Kleinstadtmarkt“ hingegen, wie bei „Pinien und Halbinsel“, einem anderen Glanzpunkt der Ausstellung, ist von dieser kargen Koloristik nichts mehr zu spüren. Eine Handelsszene in glühenden Farben. Die Personen sind nur in Umrissen angedeutet. Auch hier dominiert der zeichnerische Duktus, der in den Aquarellen geradezu musterhaft ausgeprägt ist.

Otto Herbig hatte Florian Karsch in den 50er-Jahren kennengelernt und ihm 1978 und 1986 Personalausstellungen gewidmet. Nierendorf gehört zu jenen Galerien, die das Werk der einmal ausgestellten Künstler pflegen, auch über den Tod hinaus. Im Vergleich zu Fuhr war Herbig ein Romantiker. Er malte Landschaften, blühende Natur und variiert die Mutter-Kind-Beziehungen auf vielfältige Weise.

Dieses zentrale Motiv hatte für ihn die Bedeutung der Madonnenlegende, aber er übertrug die Ikonografie der abendländischen Kunst- und Glaubensgeschichte ins Familiäre, Individuelle. Wobei ein intensives Miterleben der Mutter-Kind-Bindung Anlass für seine Bilderfindungen war. Seine erste Frau starb an einem Krebsleiden, ihr Sohn lebte nur sieben Jahre. 1928 heiratete er Elsbeth Mueller. Sie brachte einen Jungen mit und gemeinsam hatten sie eine Tochter. Alle Not, alles Glück, Krankheit und Tod, aber auch Lesen und Lachen, Kinderspiel gehen in die Bilder ein.

Herbig hat Elsbeth stets als junge, schöne Frau dargestellt

Elsbeth Mueller war die geschiedene zweite Frau des „Brücke“-Malers Otto Mueller, mit dem Herbig befreundet war. In Berlin bezog er das Atelier Erich Heckels, in dem Mueller zuvor gearbeitet hatte. Insofern gibt es eine enge biografische Verbindung zu jenem Umfeld, dem sich die Galerie Nierendorf verpflichtet fühlt. Herbig hat Elsbeth stets als junge, schöne Frau dargestellt: Sie war seine Madonna. Eine Farblithografie nannte er auch „Kleine Madonna“. Und die beiden Bilder „Frau mit Schleier“, unter weißen Blüten und einer diffus glühenden Sonne, haben auch etwas Madonnenhaftes an sich. Herbig hatte nie die Hoffnung aufgegeben, dass die Darstellung des Menschlichen „wieder Herz und Hand bewegen“ wird.

Galerie Nierendorf, Hardenbergstraße 19. Mo.–Fr. 11–18 Uhr. Der Katalog kostet acht Euro. Bis 9. März zu sehen.

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