Kultur

Geheime Etiketten und Zeichen

Ungewöhnliche Perspektiven: Die Galerie Mehdi Chouakri am Fasanenplatz beschäftigt sich mit der Rückseite von Kunstwerken

Es gibt die schönen Schauseiten und die Rückseiten. So kurios es klingt, Bilderrückseiten haben in letzter Zeit an Bedeutung gewonnen. Oft erzählen sie Geschichten in Form von Aufklebern oder Beschriftungen, auch an der Rahmung kann man beispielsweise Rückschlüsse auf das Alter eines Kunstwerkes ziehen. Seit die Provenienzforschung – die Suche nach den früheren Eigentümern – zu einer Kernaufgabe in den Museen geworden ist, ist die Rückseite noch stärker in den Fokus gerückt. Auch bei der Klärung, ob ein Gemälde eine Fälschung ist, können Rückseiten helfen. Dem gewitzten Fälscher Wolfgang Beltracci etwa kam man auf die Schliche, weil er bei einigen Bildern die Etiketten auf der Rückseite unsauber kopiert hatte. „Backstage: die Rückseite“ heißt nun eine kleine, feine Ausstellung in der Galerie Mehdi Chouakri am Fasanenplatz. Backstage ist das, was dem Publikum – auf der Bühne – verborgen bleibt. Der niederländische Künstler Rob Scholte hat das Thema wörtlich genommen und humorvoll auf die Spitze getrieben. Auf Flohmärkten suchte er nach alten Stickbildern, die man wohl nur unter erheblicher Androhung von Gewalt an die eigenen Wände hängen würde. Doch Scholte kaprizierte sich bei seiner Suche auf bekannte Motive von alten Meistern wie Albrecht Dürer, Jan Vermeer oder Frans Hals.

Er dreht die gestickten Motive kurzerhand um, rahmt sie weiß und gibt ihnen eine Signatur. Dürers „Betende Hände“ sehen wir nun seitenverkehrt. Das Verblüffende ist, dass die Rückseiten mit den verknüpften Fäden von Weitem aussehen wie von einem Impressionisten getupft. Sie wirken erstaunlich malerisch. Gerwald Rockenschaub hat seine neonfarben leuchtende Skulptur an der Wand mit einer riesigen Schraube befestigt. Rockenschaub nimmt der Kunst damit den Heiligenschein des künstlerischen Genies.

Transparente Leinwände und blasse Keilrahmen

Charlotte Posenenskes (1930–1985) minimalistische Skulpturen verweigern sich ohnehin jeder traditionellen Bestimmung, ihre technisch gefertigten Vierkantrohre stülpen das Innere nach außen, es gibt kein hinten und vorne. Die 1985 verstorbene Künstlerin fällt in der Ausstellung insofern aus dem Rahmen, da sie 1968 an der Technischen Universität in Berlin öffentlich ihren radikalen Bruch mit der Kunst und dem Kunstmarkt verkündet hat. Damals gehörte sie zu den wichtigsten Künstlern der Nachkriegsgeneration. Ihr damaliger Partner und Nachlassverwalter Burkhard Brunn kümmert sich heute um ihr Œuvre. Franziska Reinbothe, eine junge Künstlerin aus Berlin, die in Leipzig arbeitet, konfrontiert den Betrachter ungeniert mit einer fast durchscheinenden Leinwand, die den Blick freigibt auf den Keilrahmen. Ähnlich verfährt Michael Reiter, indem er seine Leinwände mit der Grundierung und den übermalten Kanten freilegt, so, als würde er sie sezieren wollen. Malerei hat eine ästhetische Schauseite, und die Kehrseite: die harte Arbeit des Künstlers an und mit der Leinwand.

Galerie Mehdi Chouakri, Fasanenplatz, Charlottenburg. Bis 24. Februar. Di.–Sbd. 11–18 Uhr

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