Kultur

Das verschwundene Baby

Bei Bauarbeiten werden in London die Überreste einer Babyleiche gefunden. Der Fundort lässt die Vermutung aufkommen, es könnte sich um ein vor 40 Jahren aus einer Geburtsklinik entführtes Mädchen handeln, dessen Verschwinden nie aufgeklärt wurde. Fiona Barton, britische Ex-Journalistin und jetzt Krimiautorin setzt in ihrem neuen Roman erneut Boulevardreporterin Kate Waters auf den Fall an, die bereits in ihrem Bestseller-Erstling „Die Witwe“ die Hauptrolle spielte.

Waters ist ein Urgestein der Londoner Yellow Press, verheiratet und Mutter eines Sohnes, der gerade sein Jurastudium hinschmeißen will, um mal eben so nach Thailand auszuwandern, was bei ihr nicht gerade auf Begeisterung stößt. Während ihrer Recherche begegnet sie Alice und Nick, den Eltern des gekidnappten Babys, die gemeinsam mit ihren zwei weiteren Kindern jeder auf seine Weise noch immer unter der Tragödie und Schuldgefühlen leiden, weil die Mutter damals nur für ein paar Minuten das Baby in der Klinik allein gelassen hatte. 40 Jahre und kein Tag vergeht, an dem sich Alice nicht die Frage stellt, ob das eigene Kind noch am Leben ist.

Dann gibt es da eine zweite Frau, Emma, die auch glaubt, dass es ihr Baby sein muss, dessen Überreste gefunden wurden. Gibt es etwa noch eine Leiche?

Emma, kinderlos, verheiratet, vaterlos aufgewachsen, leidet unter dem äußerst schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter, die Emma für die Liebe zu einem dubiosen Universitätsprofessor bereits mit 16 aus dem Haus geworfen hat. Rätselhaft bleibt lange Zeit, warum niemand weiß, dass Emma selbst überhaupt schon einmal Mutter gewesen ist. Zudem tauchen alte Fotos unter Drogen stehender und ganz offensichtlich missbrauchter nackter Frauen bei Waters’ Recherche auf. Widersprüchliche DNA-Tests machen den Fall komplizierter und langwieriger als zunächst gedacht, und irgendwie wollen die gesammelten Erkenntnisse zeitlich und kausal einfach nicht zusammenpassen.

So mitfühlend Waters auch agiert: die Fototermine mit jenen Frauen, die sie wohlwissend schon mal an die Leichenfundstelle führt, damit Bildmaterial vorhanden ist, falls es denn wirklich ihr totes Baby sein sollte, das Wedeln mit Exklusivverträgen für Interviews und Hintergrundgeschichten, machen bei aller Sympathie für die Protagonistin den hässlicheren Teil des Geschäfts aus. Fiona Barton, früher selbst im Einsatz für die nicht gerade zimperliche „Daily Mail“ in Großbritannien und ausgezeichnete Reporterin des Jahres bei den British Press Awards, weiß dabei genau, wovon sie schreibt.

Ob die Oldies-Revival-Party im Wohnbezirk, die ältere Dame in der Baustellennachbarschaft oder die von der Presse genervten Polizisten in dieser von Fortschritt angetriebenen Stadt: der ganze Roman lebt von vielen kleinen, präzise beobachteten Episoden. Barton schreibt sich zudem zunehmend im Krimigenre warm. War „Die Witwe“ noch etwas zu vorhersehbar, hat der überaus sperrige deutsche Titel „The Child – Du kannst die Vergangenheit begraben – aber die Wahrheit lebt weiter“ schon weit mehr überraschende Wendungen.