Theater-Umzug

Wo die Kudamm-Bühnen künftig spielen werden

Nach der Staatsoper ziehen die Kudamm-Bühnen ins Schiller-Theater. Ein Vorabbesuch mit Theaterchef Martin Woelffer.

Martin Woelffer vor dem Schillter-Theater

Martin Woelffer vor dem Schillter-Theater

Foto: jörg Krauthöfer

Berlin. Als Martin Woelffer die Litfaßsäule nahe des Schiller-Theaters entdeckt, ist er zufrieden: „Richtig plakatiert“, stellt der Direktor der Komödie und des Theaters am Kurfürstendamm fest: An der Säule klebt ein Plakat , das für die „Tanzstunde“ wirbt, die neue Woelffer-Inszenierung mit Oliver Mommsen, die später auch im Schiller-Theater gezeigt werden soll. Denn die Zeit am Kudamm läuft ab, Ende Mai ist dort nach fast 100 Jahren Schluss mit dem Theater. Die beiden historischen, von Oskar Kaufmann in den 1920er-Jahren entworfenen Bühnen werden abgerissen, weil der Eigentümer das Kudamm-Karree umbaut. Nach Abschluss der Arbeiten soll Woelffer dann zurückkehren, in einen Neubau. Und in der Zwischenzeit zieht der Boulevard ins zwar nahe, aber eben nicht an einer Flaniermeile gelegene altehrwürdige Schiller-Theater, das zuletzt der Staatsoper als Ausweichquartier diente. Ein Rundgang mit Martin Woelffer durch das künftige Domizil.

Aus dem Sprechtheater wurde ein Ausweichquartier

Wir treffen uns beim Pförtner. Die erste Frage liegt auf der Hand. Im Schiller-Theater inszenieren, geht da jetzt ein Traum in Erfüllung? Martin Woelffer lacht. „Na klar. Als das Haus noch Teil der Staatlichen Schauspielbühnen war, war es das erste Sprechtheater der Stadt.“ Aber die wurden 1993 abgewickelt, auch weil der Senat nach der Wiedervereinigung und dem Abbau von Arbeitsplätzen im Ostteil dort nicht auch noch ein großes Theater schließen wollte. Das Schiller-Theater wurde als Spielstätte und Veranstaltungsort vermietet, mittlerweile dient es als Ausweichquartier. Erst war das Maxim Gorki Theater ein Dreivierteljahr hier, von 2010 bis zum Sommer 2017 dann die Staatsoper.

Wir gehen zur Bühne. Wenn man in der Mitte steht und nach oben schaut, hat man ein Gefühl wie im Kölner Dom. Kaum vorstellbar, dass Kudamm-Produktionen, die normalerweise mit einer einstelligen Zahl von Schauspielern auskommen, diesen Raum füllen können. Die Bühne der Komödie würde hier mehrfach reinpassen, aber die des Theaters „ist gar nicht so viel kleiner“, erklärt Martin Woelffer. Respekteinflößend ist das für ihn, den erfahrenen Theatermann, der vor vielen Jahren auch mal im Schiller-Theater hospitiert hat, nicht wirklich. Die Bühnenbilder der Produktionen, die übernommen werden, die müssten halt angepasst werden.

In der Montagehalle könnte man locker Tennis spielen

Dafür gibt es gleich nebenan den passenden Ort: die Montagehalle, die seinerzeit für die Staatsoper errichtet worden war, damit dort die Bühnenbilder aufgebaut werden konnten. In der Halle könnte man locker Tennis spielen. Woelffer kommentiert die Größe mit den Worten „überdimensioniert, aber endlich haben wir genug Platz“.

Wir kehren zurück zur Bühne, gehen durch die Tür des Eisernen Vorhangs und stehen auf dem abgedeckten Orchestergraben. Der war für die Staatsoper eingebaut worden – und soll für die Komödie wieder verschwinden. „Der Bereich wird bestuhlt, wir wollen ja, dass das Publikum möglichst nah am Bühnengeschehen dran ist“, sagt Woelffer. Eine Maßnahme, die natürlich die Kapazität des Zuschauerraums erhöht. Gab es zuletzt knapp 1000 Plätze, dürfte die Zahl künftig bei 1100 liegen. Kulturpolitiker haben sich schon Sorgen gemacht, wie Woelffer die füllen will. „Momentan haben wir mit dem Theater und der Komödie am Kudamm 1400 Plätze im Angebot, künftig sind es 300 weniger“, rechnet der Direktor vor. Wobei er verschweigt, dass es bisher aber auch zwei Spielstätten und damit ein doppeltes Stückangebot gab.

Der neue Standort ist mit höheren Kosten verbunden

Die Lage wird ja immer wieder beschworen. Nicht nur unter Immobilieninteressenten. Auch unter Theaterleuten. Thomas Ostermeier von der Schaubühne sagte mal in einem Interview mit der Berliner Morgenpost, dass er nichts gegen einen Mitte-Standort hätte. Und das Schlossparktheater in Steglitz liegt nicht nur für Pankower jwd. Martin Woelffer ist zufrieden, dass er zumindest im Bezirk bleiben kann. Auch für die Mitarbeiter, etwa 50 Festangestellte haben die Kudamm-Bühnen, sei das angenehm. Nur die Laufkundschaft, die wird am neuen Standort fehlen. Woelffer überlegt, ob man am alten in irgendeiner Form präsent sein und vielleicht auch Tickets verkaufen kann.

Klar ist allen Beteiligten, dass der neue Standort mit höheren Kosten verbunden ist. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hat in seinem Etat für 2018/19 eine Erhöhung des Zuschusses für das Privattheater von gut 200.000 auf über 900.000 Euro berücksichtigt, außerdem soll Woelffer das im Landesbesitz befindliche Haus mietfrei überlassen werden. Er braucht es aber nicht ganz. Daher ist ein weiterer Nutzer das Bauhaus-Archiv, das wegen Erweiterungsarbeiten am alten Standort ebenfalls temporär umzieht. In den Trakt des Schiller-Theaters, in dem bis zum Sommer unter anderem Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm sein Büro hatte. Die Mitarbeiter der Kudamm-Bühnen einschließlich des Chefs beziehen für ihren voraussichtlich dreijährigen Aufenthalt Räume in den ehemaligen Künstler-Garderoben im dritten Stock. Auch Probebühnen gibt es im Haus, derzeit werden sie noch vom Berliner Ensemble genutzt.

Woelffer: Katharina Thalbach freut sich ganz besonders auf das Haus

Wir sind mittlerweile im Hauptfoyer angekommen, möglicherweise dem schönsten Raum des Schiller-Theaters. Die 25 Meter breite und fünf Meter hohe Glasschliffwand hat der Maler Ludwig Peter Kowalski geschaffen. Wir sitzen auf der blauen Rundbank direkt davor, es ist frisch hier, so nah an der Scheibe. An die Heizkosten sollte man jetzt lieber nicht denken.

Woelffer zieht den Mantel wieder an und erzählt von Katharina Thalbach. Die freue sich ganz besonders auf das Haus. Für die Schauspielerin ist es ja eine Rückkehr. Sie hat am Schiller-Theater mit der „Tragödie des Macbeth“ ihr vielbeachtetes Regiedebüt Ende der 80er-Jahre gegeben. Und sie stand in „Weißalles und Dickedumm“ von Coline Serreau auf der Bühne, dem Durchschnittsstück, das 1993 vor der Schließung lief. Was Katharina Thalbach künftig dort inszeniert oder in welcher Rolle sie auftritt, das will Martin Woelffer noch nicht verraten. Erst im März auf der Spielplanpressekonferenz. Vielleicht gibt es ja zur Eröffnung im September 2018 mal wieder einen Shakespeare im Schiller-Theater, angeboten von der Komödie am Kudamm.

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