Haruki Murakami

Ein Bestsellerautor, der auch ein Tonkünstler ist

Haruki Murakami ist ein Meister des unnachahmlichen Sounds und lakonischer Tiefe. Jetzt erscheint sein geheimnisvoller neuer Roman.

Haruki Murakami (Archivbild)

Haruki Murakami (Archivbild)

Foto: Murdo MacLeod/Polaris/laif / Polaris/laif

Es ist ein namenloser Erzähler, von dem wir diese Geschichte hören, ein Mann in den 30ern und mitten in einer Lebenskrise. Seine Frau hat ihn gerade verlassen, aufgrund eines Traumes, wie sie sagt. Der Erzähler, der seinen Lebensunterhalt mit Malerei verdient – genauer: mit Porträts zahlungswilliger Kunden – verlässt die gemeinsame Wohnung, steigt in sein Auto und fährt ziellos durch Japan. Seine Vergangenheit ist ihm ebenso präsent wie die Landschaft, die an ihm vorbeizieht: Wann hatte seine Frau sich von ihm abgewendet? Hatte er einen Fehler gemacht, etwas Entscheidendes übersehen? Gemeinsame Erlebnisse kommen ihm in den Sinn, und ihm fällt ein, wie sehr ihn seine Frau immer an seine Schwester erinnert, die in jungen Jahren aufgrund eines Herzfehlers starb.

Wenn das Unglaubliche alltäglich wird

Man muss sich den vielfach ausgezeichneten internationalen Bestsellerautor Haruki Murakami, der alljährlich als Favorit auf den Literaturnobelpreis gehandelt wird, auch als Tonkünstler vorstellen. Sein unnachahmlicher Sound, die lakonische Tiefe seiner Prosa ist auch in diesem Roman vom ersten Satz an präsent – woran seine kongeniale Übersetzerin Ursula Gräfe keinen geringen Anteil hat. Aber es sind auch seine seit jetzt 14 Romanen gut erprobten Motive, die er hier erneut zu einer faszinierenden Geschichte arrangiert: die Gegenwart der Fantastik im Alltag, die Traditionsbestände seiner Heimat, die kühl beschriebene Sexualität, die Liebe zur europäischen Kunst und vor allem zum Geheimnis.

Und Unerklärliches gibt es zuhauf in dieser nicht zufällig auf eine erzählte Zeit von neun Monaten befristeten Geburt eines Künstlers – und es gehört zu Murakamis Pointen, dass am Ende das scheinbar Normale rätselhaft wird und das Übersinnliche real. Nach einiger Zeit der Odyssee bezieht unser namenloser Erzähler ein Haus in den Bergen von Odawara. Ein Freund stellt es ihm zur Verfügung, dessen Vater Tomohiko Amada, ein Maler früher auch er, als Demenzpatient behandelt wird.

Eines Nachts wird der Erzähler von merkwürdigen Geräuschen auf dem Dachboden geweckt, von dessen Existenz er gar nichts wusste. Er sieht nach und stellt fest, das dort eine kleine Eule Quartier bezogen hat. Nachts, wenn sie jagen geht, scheppert der Lüftungsschlitz, durch den sie hinausgelangt. Aber noch etwas anderes findet sich hier: ein in Packpapier eingeschlagenes Gemälde Tomohiko Amadas, das dieser offenbar vor der Öffentlichkeit schützen wollte. Es heißt wie Murakamis Roman, dessen zweiter Teil im April erscheinen wird: „Die Ermordung des Commendatore“.

Abgebildet ist, zumindest auf den ersten Blick, eine Szene aus Mozarts Oper „Don Giovanni“: Das Bild „zeigte zwei Männer – einen jüngeren und einen älteren – im Kampf mit schweren altertümlichen Schwertern. Es sah nach einem persönlichen Duell aus. Der jüngere Mann, mit einem schmalen, schwarzen Schnurrbart und in einem salbeifarbenen Rock, hatte dem älteren, weiß gewandeten sein Schwert tief in die Brust gestoßen. Letzterer trug einen vollen, weißen Schnurrbart und um den Hals eine Perlenkette. Sein Schwert war ihm entglitten, hatte jedoch den Boden noch nicht erreicht. Aus seiner Brust schoss Blut und färbte sein weißes Gewand rot.“

Die Ermordung eines alten Mannes durch einen jüngeren: Verlockend natürlich, darin gleich eine Art metaphorischen Schlüssel zu erkennen, der uns ein paar Türen dieses Romans öffnet. Geht es hier nicht unablässig um Veränderungs- und Erneuerungsprozesse, zielen nicht all die periodisch wiederkehrenden, wunderschönen Landschafts- und Wetterbeschreibungen genau darauf? Erzählt nicht diese ganze Geschichte vom Abschied eines alten Ichs und von der Ankunft eines neuen? Murakami weiß allerdings sehr genau, dass mit dieser Praxis der Dechiffrierung von Geheimnissen nie viel gewonnen ist. Literatur ist kein Zauberwürfel, für den man nur die richtige Drehung finden muss. Ihr Wesen ist das Uneindeutige; sie ist die Frage, nicht die Antwort.

Die Herkunft seines Reichtums behält er für sich

Auf der gegenüberliegenden Seite des Tals fällt dem Erzähler ein Gebäude auf, das einem wohlhabenden Menschen gehören muss. Dieser, erfahren wir, trägt den Nachnahmen Menshiki, was übersetzt etwa „Farbe vermeiden“ bedeutet. Den Erzähler erreicht das Angebot, Menshiki zu porträtieren, im Gegenzug wird ihm eine stattliche Summe in Aussicht gestellt. Er stimmt zu und lernt den perfekt gekleideten, gut aussehenden Menshiki kennen, dessen herausstechendes äußeres Merkmal seine schneeweißen Haare sind und der sich über die Herkunft seines Reichtums in Schweigen hüllt.

Murakami schildert aus der Sicht seines Erzählers, wie das Porträt entsteht und sich ein Maler als Künstler neu entdeckt – und erzählt doch in der musikalischen Verschlingung seiner Themen noch viel mehr: Es geht um das Wesen der Porträtmalerei, um Farben und ihre Wirkung, es geht um die Kraft der kulturellen Überlieferung Europas, um die Frage nach dem Wesen einer Idee und auch und vor allem und immer wieder: um Frauen und um die Liebe zu ihnen. Im Garten findet sich eine versteckte Grube, ein seltsamer Geist tritt auf. Je länger wir diesem Porträtisten zuhören, umso stärker müssen wir auch an ihm zweifeln und zu ahnen beginnen, warum er ein Verlassener ist. Zusammengehalten wird diese explodierende Themenfülle von einem Plot, der einem meisterhaften Stück Jazz gleicht: etwas stimmt so genau, dass man einfach weiterhören muss. Man kann nicht sagen, was es ist. Aber warum sollte man das eigentlich auch tun?