Kultur

Es begann vor 63 Zuschauern

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Christoph Forsthoff

Im Admiralspalast startet die „Rocky Horror Show“. Der Komponist erinnert an die Anfänge in London

„Let’s do the Time Warp again …“ Machen wir also den Zeitsprung, zurück ins Jahr 1973. Damals, als im Londoner Stadtteil Chelsea noch Künstler-Bohemiens den Ton angaben, sich statt edler Couture-Läden schnuckelige Cafés an flippige kleine Shops reihten und am Sloane Square Rock-Musical-Geschichte geschrieben wurde. Richard Hartley steht vor dem alten roten Ziegelbau und blickt auf der stuckverzierten Fassade empor zum Giebel, wo in vormals goldenen, mittlerweile vergilbten Buchstaben der Name des Theaters prangt: Royal Court Theatre.

„In jenem Juni war es dort oben unter dem Dach brütend heiß, wir mussten ob der Hitze mehrmals die Proben unterbrechen“, erinnert sich der Komponist der „Rocky Horror Show“. Denn auch wenn das Haus schon damals einen Ruf als Experimentier- und Uraufführungsbühne in der Theaterwelt hatte, an einen Erfolg dieses bizarren Musicals um den Erdbesuch einiger transsexueller Außerirdischer glaubte damals keiner. Und so landeten Hartley, Autor Richard O’Brien und Regisseur Jim Sharman in dem fensterlosen Raum im Dachgeschoss mit dem Charme eines abgeranzten Pubs – und durften obendrein erst nach 22 Uhr beginnen: Ihre laute Rockmusik hätte sonst die Abendvorstellung auf der Hauptbühne zwei Etagen tiefer gestört.

Wer konnte schon ahnen, dass an jenem 16. Juni 1973 vor 63 Zuschauern der Siegeszug für eine Freak-Show begann, die bis heute mehr als 20 Millionen Besucher begeistert hat – und nun in einer Neu-Auflage in den Admiralspalast kommt.

„Eines Nachts saßen wir bei Richard, der uns von seiner Idee für ein Musical erzählte und ein paar Melodien vorspielte – und als ich nach Hause ging, dachte ich: Das kann funktionieren“, sagte Hartley. Mit sieben handgeschriebenen Notenseiten starteten sie das Casting, und da im Royal Court Theatre gerade eine andere Produktion ausgefallen war, konnte das Trio kurz darauf in der Dachkammer mit den Proben beginnen. Die gerade mal zweieinhalb Wochen dauern durften, denn mehr gab das knappe Budget nicht her.

„Damals mussten wir die Treppenstiegen auch noch zu Fuß erklimmen“, erzählt 73-Jährige mit den sonnengegerbten Gesichtszügen und silberfarbenen Haaren, als wir in den Fahrstuhl steigen. „Das Publikum saß auf Holzbänken, hinter einem Vorhang spielte die Band. Alleiniger Farbtupfer in der kargen Schwarz-Weiß-Szenerie: der knallrote Lippenstift von Tim Curry als Frank’n’Furter – „was die Besucher irritiert auflachen ließ.“

Immerhin: In der „Rocky Horror Show“ hatten die Leute etwas zu lachen. „London selbst lag 1973 ziemlich am Boden, allenthalben gab es Streiks, nicht zuletzt in den Kohleminen, Stromsperren und der Bombenterror der IRA legten das öffentliche Leben immer wieder lahm“, so Hartley. Doch vielleicht gerade deshalb zündete die Idee für die schrille Rock ’n’ Roll-Show: Ging es doch um Identität und Selbsterfahrung jenseits des gesellschaftlich Akzeptierten – „und irgendwo war es natürlich auch eine Feier der eigenen Jugend“. Das Stück dauerte bei der Uraufführung gerade mal 50 Minuten – die weltweite Berühmtheit erlangte die opulente Rock-Oper erst durch die Leinwandadaption der „Rocky Horror Picture Show“ 1975. Der Rest ist Rock-Geschichte, wie auch die Entstehung des „Time Warp“: War doch der bekannteste Song in der Urfassung gar nicht enthalten. „Richard war der Meinung, dass ein Musical unbedingt auch eine Tanznummer brauche“ – und O’Brien sollte recht behalten …

Bleibt die Frage: Was macht 2018 den auch nach vier Jahrzehnten noch ungebrochenen Erfolg der „Rocky Horror Show“ aus? „Zum einen liegt die Faszination natürlich in der Musik“, lächelt der Komponist. „Zum anderen aber zweifellos auch in der Botschaft: Sei einfach so, wie du sein möchtest – ein Gedanke, der bis heute für viele eine Initialzündung ist.“ Na denn: Let’s do the Time Warp again!

Admiralspalast, Friedrichstr. 101, Mitte.
Tel.: 01805/2001. 23. Januar–10. Februar.