Kultur

Ein Gesamtklang, der den Zuhörer regelrecht umarmt

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Felix Stephan

Christoph von Dohnányi dirigiert Brahms und Bartók

Christoph von Dohnányi? Äußerst selten zeigt sich dieser Dirigent in Berlins Konzertsälen. Dabei ist auch der 88-jährige Dohnányi nach wie vor aktiv im Orchestergeschäft – und sogar gebürtiger Berliner. In den letzten Jahren hat er sich allerdings vorwiegend mit ausländischen Klangkörpern beschäftigt. Darunter auch mit dem Philharmonia Orchestra London, das ihn 2008 zum Ehrendirigent auf Lebenszeit ernannt hat. Durch eine glückliche Fügung war Dohnányi mit diesem Orchester vor drei Jahren beim „Musikfest Berlin“ zu Gast. Auf dem Programm damals: Ives, Berg und Schubert, eine attraktive Kombination aus klassischer Moderne und Romantik.

Mit einem ähnlichen Programm kehrt Dohnányi nun zurück in die Philharmonie, um die Staatskapelle zu dirigieren. Wieder sind es Werke, die in keinem Klassik-Kanon fehlen dürfen, weil sie so meisterlich gelungen sind: Brahms’ Zweite Sinfonie von 1877 und Bartóks „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ von 1936. Beide Kompositionen hatten bereits bei ihrer Uraufführung solchen Erfolg, dass auf Wunsch des Publikums Sätze wiederholt werden mussten.

Dohnányi macht diese Wiederholungen an diesem Abend natürlich nicht, sorgt dafür aber für ein anderes verbindendes Element: Er lässt beide Werke in üppiger Streicherbesetzung spielen. Bartóks „Musik“ entfaltet dabei zwar nicht jene rhythmische Prägnanz und gestalterische Klarheit, die mit einem Kammerorchester möglich wäre. Andererseits möchte man aber kaum auf Dohnányis organisch fließenden Orchesterklang verzichten, einen Klang, der tief in der Spätromantik verwurzelt zu sein scheint. Es ist ein Bartók, der mehr ans Herz als an den Verstand appelliert, ein Bartók von milder Melancholie und Gelassenheit – zum Zurücklehnen und Genießen.

Altmodisch mutet auch Brahms’ Zweite Sinfonie in der zweiten Konzerthälfte an. Mit fülligen Streichern, expressiven Holzbläsern und gewichtigen Blechbläsern. Dohnányi pflegt einen warmen Gesamtklang, der den Zuhörer regelrecht umarmt. Ein Gesamtklang, der ohne dynamische Extreme auskommt. Noch auffälliger sind freilich Dohnányis sehr gemächliche, altersweise Tempi.

( Felix Stephan )