Kultur

Lustvolle Befreiung vom Diktat des Theaters

Am Deutschen Theater nimmt sich Regisseur Sebastian Hartmann mit James Joyces „Ulysses“ große Freiheiten heraus

Spätestens seit diesem Wochenende zählt der Regisseur Sebastian Hartmann endgültig zu den furchtlosesten Theatermachern unserer Zeit. Zumindest was die Auswahl seiner Stoffe angeht. Der hat in Leipzig schon Thomas Manns "Zauberberg" auf die Bühne gehievt und Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" am Deutschen Theater gezeigt. Beides Romane, die sich in ihrer überbordenden Opulenz nicht unbedingt für die Bühne aufdrängen. Mit James Joyces Monumentalroman "Ulysses" hat er jetzt den Olymp der im Theater eigentlich unbezwingbaren Stoffe erklommen. Am Freitag war Premiere im Deutschen Theater. Danach kann nur noch die Bibel kommen. Zuzutrauen wär's ihm.

Wer "Ulysses" gelesen hat, der wird sich an nicht allzu viele einzelne Details erinnern können, so ausufernd, abschweifend, assoziativ ist der Roman geschrieben, dass sich nur wenige Fakten festsetzen. Wenn man ihn denn gelesen hat. Auf den Top Ten der ungelesenen Bücher der Weltliteratur nimmt dieses Buch einen der vorderen Plätze ein. Immerhin, so viel weiß man dann gemeinhin doch: Es geht, in 18 auf über 1000 Seiten verteilten Kapiteln, um einen einzigen Tag im Leben des Leopold Bloom. Dieser Tag ist der 16. Juni 1904. Das Ganze spielt auf jeden Fall in Dublin. Dann ist da noch ein gewisser Stephen Dedalus, der Bloom immer wieder begegnet, und natürlich Blooms Ehefrau Molly, die das Buch mit einem relativ berühmten und relativ offenherzigen Monolog beschließt. Es gibt also immerhin ein paar bekannte Hauptfiguren, einen Handlungsort und einen klaren Ablauf.

Denkste! Das bisschen, an das man sich strukturell als Zuschauer hätte klammern können, hat Sebastian Hartmann gestrichen. Da ist kein Leopold Bloom mehr, zumindest keiner, der klar definierbar wäre, kein eindeutiger Ort und erst recht kein nachvollziehbarer zeitlicher Ablauf mehr zu erkennen. Stattdessen gibt Bernd Moss im schwarz-glänzenden Lack-Anzug erst mal den Luft-Zauberer, einen Wort- und Wahrnehmungsgaukler, der die Musik mit Gesten an- und wieder abschwellen lässt und im Namen anderer spricht. Dann hören wir von einer beinahe in der Pfanne verbrannten Niere, man kommt von Reinkarnation auf nackte Nymphen auf Verstopfung auf Hämorrhoiden. Immerhin etwas vergleichsweise Alltagsnahes. Davon gibt es ansonsten wenig an diesem Abend. Sebastian Hartmann geht es nämlich um die großen, die richtig großen Themen: Den Tod, den Glauben, das Menschsein, das Universum.

Kapitulieren odersich einfach treiben lassen

Die Bühne ist nackt. Bis auf zwei fette schwarze Kugeln, eine größere und eine etwas kleinere. Sie sehen aus wie düstere Diskokugeln oder wie Planeten, die Menschen darunter wirken wie Winzlinge. Und das sind sie hier ja auch, Krümel im Universum mit großen Gedankengebäuden. Im Parkett hat man inzwischen längst aufgegeben, weiter auf Leopold Bloom zu warten. Gut vier Stunden dauert dieser Abend, nach ungefähr einer Stunde ist eine Entscheidung zu treffen: Man könnte kapitulieren vor diesem kräftezehrenden, scheinbar zusammenhanglosen Treiben auf der Bühne. Oder dem Regisseur mit seinen Mitteln begegnen. Regisseur und Ensemble nehmen sich die Freiheit, einzelne, aus ihrer subjektiven Sicht interessante Assoziationsfelder aufzureißen. Dann kann sich das Publikum auch die Freiheit nehmen, selbst zu entscheiden, welchem davon es folgen möchte. Einfach mal gedanklich bei einem hängen bleiben, ihn weiterspinnen auch auf die Gefahr hin, den nächsten vielleicht zu verpassen. Was für eine lustvolle Befreiung ist dieser Ausbruch aus dem im Theater eigentlich gültigen Diktat des Folgenmüssens.

Viel hängt dabei von den Schauspielern ab, denn sie müssen jedes Mal aus dem Nichts heraus ihre Motive entwickeln. Abgesehen von ein paar sehr körperlich gestalteten Gemeinschaftsszenen besteht der Abend fast ausschließlich aus Monologen. Einer wie Ulrich Matthes kann das hervorragend, die Worte (nach Übersetzung von Hans Wollschläger) in gedankliche Resonanzräume, bei ihm vor allem über den Tod, zu verwandeln. Auch Judith Hofmann funkelt sprachlich virtuos in einem herrlichen Exkurs über großartige, sensible, hinreißende, gebildete Männer und die kleingeistigen, tumben, dummen Exemplare derselben Gattung. Zwischendurch gebiert Manuel Harder, "hopsa", noch ein Kind, jemand wälzt sich in feuchtem Urschlamm, Shakespeare wird auseinandergenommen und Bernd Moss klärt uns in einer scheinbaren Spontan-Improvisation über die Quantenphysik auf. Es ist diese Themenodyssee genau so anstrengend wie sie klingt, eine echte Zumutung, aber eine sehr anregende, wuchtige und gedankensatte.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Kartentel. 28 441 225. Nächste Termine: 28.1. und 18.2., je 18 Uhr.

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