Kultur

Schostakowitschs Präludien und Fugen in einem Ritt

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Matthias Nöther

Pianist Igor Levit spielt drei Stunden im Kammermusiksaal

Ob Dmitri Schostakowitschs 24 Präludien und Fugen op. 87 tatsächlich zur Aufführung an einem einzigen Abend gedacht sind, darüber kann man streiten. Igor Levit tut es im Kammermusiksaal, drei Stunden lang dauert das Programm vor ausverkauftem Haus. Schostakowitsch komponierte den riesigen Klavierzyklus einmal durch den Zirkel der Tonarten unter dem Eindruck des Leipziger Bachfestes, das er 1950 besuchte. Innerhalb von drei Monaten entstand ein Klavierwerk, das vermutlich nicht in der gleichen kurzen Zeit von einem Pianisten einzustudieren ist.

1950 geschah in der Musik in West und Ost alles Mögliche – aber es war sicherlich noch nicht die Zeit der Postmoderne in der Kunst, des Endes der Geschichte und der Allverfügbarkeit von historischen Stilen wie in einem Supermarkt. Aber: Genauso spielt Levit seinen Schostakowitsch, und er kann sein Publikum damit wirklich zum Nachdenken bringen über das Denken und die Zeit dieses genialen Komponisten. Berühmt mag Igor Levit für die Kultiviertheit und Kontrolliertheit seines Anschlags sein, doch das ist kein weicher Teppich, mit dem Levit alle Komponisten und jedes Werk einrollt, sondern es ist nur ein Tupfer seiner großen Klangfarbenpalette. Die breitet er nun bei den Präludien und Fugen vor dem Hörer aus und gestaltet jedes der völlig unterschiedlichen Stücke schon allein durch Klangfarben und Dynamik auf genuin eigene Art. Aus Schostakowitschs Vielfalt der Eingebung wird ein wahrhaftig postmodernes Prisma unterschiedlichster Stile, das sich klanglich durchaus nicht immer an Schostakowitschs eigenem strengem Vorbild Bach orientiert.

So meint man im ersten Präludium C-Dur, gemessen am Anschlag, ein Stück von Schubert zu hören, während das harte Bass-Fortissimo im G-Dur-Präludium unendlich roher daherkommt. Levit vergisst nie, die intelligente Kon­struktion einer jeden neuen Nummer des Zyklus herauszuheben, doch sein minutiös herausgearbeiteter eigener Zugang zu der jeweiligen Musik geht eindeutig von deren Klangcharakter aus – und hier ist nicht die Fantasie von Schostakowitsch, sondern vor allem die von Levit zu bewundern.

( Matthias Nöther )