Kultur

Ein Jahrhundert-Leben

Bernhard Schlink zeichnet in seinem neuen Roman ein Panorama deutscher Gegenwartsgeschichte

Eine Liebesgeschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Olga ist eine tolle Frau. Sie wird arm in Breslau geboren, verliert die Eltern an Fleckfieber, muss zur ungeliebten Oma nach Pommern ziehen, versteht Lernen als Privileg, schafft es im Kaiserreich bis zur Lehrerin und lebt und liebt selbstbestimmt zu einer Zeit als das für Frauen eigentlich noch gar nicht geht.

Olga wird Zeit ihres Lebens Herbert lieben, und der ist zumindest ein interessanter Mann: Gutsbesitzersohn, privilegiert, gebildet, ein Junge, der wortwörtlich immer rennen will, der als Erwachsener „innerlich“ weiter rennt, der die Weite der Welt und des Lebens sucht, sich allerdings früh zum Übermenschdasein berufen fühlt und „nicht rasten und nicht ruhen“ will, „Deutschland groß zu machen“.

Die Liebe gedeiht und ist doch chancenlos, weil Olga nicht standesgemäß ist, die Gutsbesitzer eine Heirat verbieten, und weil Herbert nach Stationen in Deutsch-Südwestafrika und Argentinien noch vor dem Ersten Weltkrieg auf einer Arktis-Expedition verschollen geht. Es ist ein starker Anfang des neuen Romans „Olga“ von Bernhard Schlink, Jahrgang 1944, Jurist, Professor, wohnhaft in Berlin, der Weltruhm erlangt hat, nachdem ihn Oprah Winfrey für „Der Vorleser“ in ihrem Buchclub in den US-Bestsellerhimmel hob. Der Roman, als überraschend konsumierbare deutsche Literatur gefeiert, wurde mit Kate Winslet verfilmt, in über 50 Sprachen übersetzt und ist schnell zum festem Bestandteil des Literaturkanons avanciert. Schlink ging es in seiner bizarren Geschichte um die Liebe eines Teenagers zur früheren KZ-Wärterin Hannah um den Umgang der Nachfolgegeneration mit den Nazi-Tätern. Unumstritten ist das Buch nicht geblieben, da der Analphabetismus Hannahs manchen Kritikern als allzu schlichte Annäherung an die Täterbiografien galt, viele sich eine eindeutigere Haltung des jungen Mannes im Roman und damit auch von Schlink gewünscht hätten.

In der Nazizeit aus dem Schuldienst entlassen

Olga nun ist das genaue Gegenteil von Hannah und hat eine gänzlich unpro­blematische Biografie. Sie hat polnisch-deutsche Wurzeln, ist Sozialdemokratin und Gewerkschaftsmitglied. Nach einer Erkrankung wird sie taub, in der Nazizeit aus dem Schuldienst entlassen flieht sie im Krieg nach Westdeutschland und arbeitet fortan als Näherin. Sie ist gebildet, bescheiden, fleißig und wird zu einer Art Ersatz-Oma für Ferdinand, der im zweiten Teil die Hauptrolle übernimmt, sich jedoch anders als der „Vorleser“ nicht in die ältere Frau verliebt. Ferdinand ist der Sohn der Familie, für die Olga arbeitet. Sie erzählt ihm all die aufregenden Geschichten von fernen Ländern, die sie von Herbert gehört hat, und wird ein wichtiger Bestandteil seiner Jugend. Er wird sie dafür bis in seine Studienzeit hinein besuchen, bis Olga eines Tages Opfer eines mysteriösen Sprengstoffanschlags auf ein Bismarck-Denkmal wird.

Ferdinand selbst entwickelt sich zum Inbegriff des westdeutschen Nachkriegsbeamten, dem selbst Schlink ein langweiliges Leben attestiert. Erst in Rentnerjahren wird er anfangen, Olgas Lebensgeschichte zu recherchieren, was ihm gelingt, wodurch dankenswerterweise im dritten Teil Olga in Briefform wieder selbst zu Wort kommen wird.

Die etwas schwerfällige Konstruktion des Romans ist seiner Intention geschuldet, diesmal den ganz großen Bogen über die deutsche Geschichte zu schlagen. Über Ferdinand wird Olgas/Schlinks allüberragende These, dass Bismarck der Ursprung des deutschen Irrwegs im Großen wie im Kleinen ist, bis ins 21. Jahrhundert transportiert. Bismarck habe Deutschland mit der Reichsgründung „auf ein zu großes Pferd gesetzt“, auf dem es nicht habe reiten können, sagt Olga, seitdem hätten die Deutschen „alles zu groß gewollt“. Deshalb sei ihr geliebter Herbert in die Welt gezogen, deswegen, so erfährt man später, sei auch ihr Sohn zum überzeugten Nazi und Waffen-SS-Mitglied mutiert.

Die Kontinuität von Bismarck zu Hitler ist historisch hinlänglich diskutiert, sperriger ist in diesem Roman, was Olga/Schlink unter dem Stichwort Größenwahn weiter darunter subsumiert. Da ist zunächst das Thema Kolonialismus. Auf Herberts Zeit in Deutsch-Südwestafrika und die Rezeption im Nachkriegsdeutschland angesprochen erzürnt sich Olga: „Völkermord? Es genügt nicht, dass die Deutschen einen Kolonialkrieg geführt haben? Wie andere auch? Es muss etwas Großes sein, der erste Völkermord.“ Ferdinand gibt sich dazu indifferent: „Ob sie das auf Herbert nicht sitzen lassen wollte, oder ob sie genug Gegenteiliges recherchiert hatte – sie reagierte heftig.“ Vielleicht sollte man an dieser Stelle erwähnen, dass das Massaker durch deutsche Truppen an den Herero und Nama mit mindestens 75.000 Toten ganz offiziell als Völkermord klassifiziert wird.

Dann geht es um die Wiedervereinigung. Olga, so zeigt sich Ferdinand überzeugt, „würde das Bundeskanzleramt und die Bundestagsgebäude und das Holocaustdenkmal zu groß finden“. Das ist 2018 eine ziemlich obsolet wirkende Rückschau auf die sehr kleinliche 90er-Jahre-Debatte um die Regierungsneubauten. Das Holocaustmahnmal hat in dieser Auflistung vermeintlicher Protzbauten einfach gar nichts zu suchen. Schließlich zeigt sich Ferdinand überzeugt, Olga „würde sich über die Wiedervereinigung freuen, aber das seitdem gewachsene Europa zu groß finden und auch die globalisierte Welt“. Dem scheinen tatsächlich heute viele Menschen zuzustimmen, die sich dabei jedoch wenigstens gewahr sein sollten, dass die Welt hier auf den Kopf gestellt wird. Denn das Klein von heute ist das Groß von früher, ein „kleines“, nicht globales Deutschland das Land, das den Nationalisten, den neuen Rechten vorschwebt, die im Rückzug hinter alte Grenzzäune und raus aus Staatenbünden wie der EU neue Größe im Alleingang suchen.

Ferdinand erzählt, was Olga glaubt, was Schlink erdacht hat, und der Leser bleibt ein wenig ratlos, worum es ihm denn eigentlich wirklich geht. Zur tollen Olga aus dem ersten Teil, der man gerne weiter gefolgt wäre, findet Schlink in dieser Konstruktion leider nicht zurück.