Kultur

Wie eine einzige Tat ein ganzes Leben verändert

Manchmal ändert eine einzige unbedachte Tat ein ganzes Leben, nur ein kleiner Moment der Unbeherrschtheit und schon gerät alles ins Rutschen. Dem winzigen Augenblick der Eskalation folgt die Bürde lebenslanger Schuld. So ergeht es Antoine in Pierre Lemaitres Roman „Drei Tage und ein Leben“. Der Zwölfjährige ist ein ganz normaler Junge, der mit seiner Mutter in einem französischen Provinzstädtchen lebt.

Doch dann kommt dieser Tag kurz vor Weihnachten, als Antoine Zeuge wird, wie sein Nachbar den geliebten Hund Odysseus erschießt und achtlos in einer Mülltonne entsorgt. Kurz darauf trifft er den Sohn des Nachbarn, den kleinen Rémi, und erschlägt ihn in einem Moment aufwallender Rache und Wut. Antoine versteckt die Leiche im Wald. Fassungslos blickt er auf sein Verbrechen: „Das Ausmaß der Katastrophe hat ihn niedergeschmettert. Innerhalb weniger Minuten hat sein Leben die Richtung geändert. Er ist ein Mörder. Die beiden Bilder passen nicht zusammen, man kann nicht zwölf Jahre alt und ein Mörder sein.“

Lemaitre (66) schildert in seinem atemberaubenden „roman noir“, wie der Zwölfjährige mit seinem neuen Leben als Mörder zurechtzukommen versucht: Mit der Angst vor der Entdeckung, dem Gefühl der Schuld, der Last der Albträume, aber auch mit der Erleichterung, als der Verdacht auf andere fällt. Dabei offenbart sich der französische Autor als der meisterhafte Spannungsautor, als der er bekannt geworden ist. Für seine Thriller wurde der spätberufene Quereinsteiger von der „Times“ als der „neue Stieg Larsson“ gefeiert.

Gekonnt entfaltet er in „Drei Tage und ein Leben“ den Mikrokosmos einer von Arbeitslosigkeit bedrohten Provinzstadt, die nun durch das Verschwinden eines kleinen Jungen in zusätzliche Verunsicherung gestürzt wird. Schnell werden mögliche Verdächtige ins Visier genommen. Bald sucht ein verheerender Jahrhundertsturm den Ort heim, viele Häuser werden zerstört, ein Mann wird von einem Baum erschlagen. Wer denkt da noch an den kleinen Rémi? Nur Antoine ist voller Angst. Würde das Hochwasser den Leichnam aus seinem Versteck spülen? „Er hatte Rémi vor sich gesehen, wie er auf dem Rücken trieb wie ein toter Fisch, an Antoines Haus vorbei, an dem seiner Eltern …“

Lemaitre stürzt uns in ein Wechselbad der Gefühle, denn sein Protagonist ist eine durchaus ambivalente Figur, die Mitleid erregt, aber auch Distanz aufbaut, Drama und Farce vermischen sich. Einfühlsam schildert der Autor die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven, geschickt entwickelt er eine spannungsgeladene Dramaturgie, bis sich alles in einer äußerst überraschenden Volte auflöst. Ein toller, erstklassig komponierter Psychothriller.