Kultur

Die Malerei schwingt in vielen Formen mit

Eröffnung des Festivals „Ultraschall“ im Großen Sendesaal des RBB

Zwei Dinge fallen beim Ultraschall-Eröffnungskonzert auf. Erst einmal gibt es überhaupt keine Uraufführungen – wo doch jedes Festival für zeitgenössische Musik vor allem mit der großen Zahl seiner wichtigen Neuigkeiten Werbung macht. Das Deutsche Symphonie-Orchester setzt einen Kontrapunkt, indem es ganz unaufgeregt einfach spannende Werke der letzten 50 Jahre präsentiert. Das ist schon ein starkes Statement. Zweitens sind alle drei Werke von außermusikalischen Einflüssen inspiriert. Vor allem die Malerei schwingt an dem Abend im Großen RBB-Sendesaal in vielen Formen und Farben mit.

Der vielseitige Heinz Holliger, der als Oboist eine Weltkarriere gemacht hat, tritt als Dirigent vor das Orchester und bringt auch eine eigene Komposition mit. Das Violinkonzert „Hommage à Louis Soutter“ zählt er zu seinen Hauptwerken. Die Gequälten und Ausgestoßenen wie Hölderlin und Trakl haben Holliger immer inspiriert. Der Maler Soutter begann eine hoffnungsvolle Geigerkarriere als Schüler und Schwiegersohn von Eugène Ysaÿe, wurde aber wegen seiner Querköpfigkeit von seinem Orchester gefeuert. Er litt unter einer psychischen Erkrankung und malte die meisten seiner Bilder in dem Heim, in dem er seine letzten 20 Jahre verbrachte. In Holligers Werk spiegelt sich sein Leben: der dandyhafte junge Mann mit den hochfliegenden Träumen, der Absturz und die Obsession, mit der er malte. Das Orchester vertieft sich konzentriert in die musikalische Höllenfahrt. Am meisten aber beeindruckt, mit welcher Souveränität Thomas Zehetmair das zeitgenössische Virtuosenkonzert meistert, das Ysaÿes Bravourtechniken in sich aufgesogen hat. Das Werk ist dem Geiger gewidmet. Seit der Uraufführung 1995 spielt er es regelmäßig.

Vorher gibt es noch andere Meilensteine zu bestaunen: Ultraschall feiert den 100. Geburtstag von Bernd Alois Zimmermann mit seinem Orchester-Prélude „Photoptosis“, was so viel wie „Lichteinfall“ heißt. Yves Kleins monochrome Wandflächen in der Gelsenkirchener Oper haben ihn dazu inspiriert. Der Maler wollte die Unendlichkeit in dem blauen Farbenmeer symbolisieren. Der Komponist setzt sie in schillernde Klangflächen um, die ihre Lichtstimmungen immer dramatischer wechseln.

Die größte Überraschung ist Jacques Wildberger, der in der Schweiz als politischer Musikaktivist und Pionier der Moderne gilt, bei uns aber praktisch unbekannt ist. Sein „Canto“, das gegen lähmende, geräuschhafte Widerstände einen Orchestergesang anzustimmen versucht, wirkt anrührend. Das Werk lehnt sich auf gegen eine kühle Welt. „Immer Opposition gegen alles Traditionelle!“ lautete eine Parole des Basler Komponisten. Ein schönes Motto auch für einen gelungenen Festival-Auftakt.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.