Kultur

Fesselnd bis zur letzten Sekunde

Die Komödie am Kurfürstendamm zeigt „Die Tanzstunde“ – mit tollen Schauspielern

Für den Rotwein braucht Senga kein Glas mehr. Am Tiefpunkt angelangt, trinkt sie ihn gleich aus der Flasche. Das Knie zerschmettert, die Liebe dahin, sieht die Tänzerin keinen anderen Ausweg als Selbstmord mit Schlaftabletten. Wäre da nicht der aufdringliche Nachbar aus Appartement 4C, der unentwegt klingelt. Plötzlich steht dieser Ever Montgomery auch noch mitten in Sengas Wohnung, um sie für 2153 Dollar für eine Tanzstunde anzuheuern. Nur eine minimale Schrittfolge soll es sein, für ein Lied auf einer Preisverleihung. Eigentlich verärgert über den ungelenken, hartnäckigen Mann, der alles wörtlich nimmt und unverblümt sagt, was ihm durch den Kopf geht, willigt Senga dennoch ein. Erst später erfährt sie, dass Ever das Asperger-Syndrom hat. Eine spezielle Form des Autismus.

Eine behinderte Tänzerin und ein Autist sind ein ungewöhnliches Paar in der Komödie am Kurfürstendamm, die zumeist auf vor Pointen berstende Hochglanz-Komödien abonniert ist. Doch Hausherr Martin Woelffer ist mit seiner Inszenierung von Mark St. Germains Tragikomödie „Die Tanzstunde“ ein ganz wunderbares Kammerspiel gelungen. Herzenswarm und voller leisem Humor, komplett frei von Kitsch und fesselnd bis zur letzten Sekunde.

Die hindernisreiche Annäherung von Senga und Ever ist voller Komik, wobei die Figuren nie der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Trotz ihrer Handicaps suchen sie ihren Weg, kein Mitleid. Schauspielerisch ein Triumph für Tanja Wedhorn als suizidaler, körperlich beeinträchtigter Senga und vor allem für Oliver Mommsen, den man sonst in seiner Rolle als „Tatort“-Kommissar kennt. Sein Asperger-Autist Ever spielt sich nicht trotz, sondern wegen seines steifbeinigen Charmes in die Herzen der Zuschauer.

Es ist hinreißend anzuschauen, wie Ever vor dem Spiegel emotionale Gesichtsausdrücke einübt. Aufgrund von Asperger kann er weder die Mimik anderer lesen noch aussenden. Bislang wollte er lediglich die Erwartungen der sogenannten Normalen erfüllen. Smalltalk etwa. Klappte aber nie. Jetzt, nach der Begegnung mit Senga, möchte er seine Mitmenschen auch verstehen. Und dabei entdeckt er, dass sich hinter Wut und Ärger bei der Tänzerin Angst, Verzweiflung und ein gut gehütetes Familiengeheimnis verstecken. Auch Senga öffnet sich zunehmend für den seltsamen Nachbarn, der aus dem Bedürfnis heraus, alles richtig machen zu wollen, so oft falsch liegt.

Körperkontakt, innige Berührungen gar, findet er schrecklich. Daher darf es beim Tanzen nicht zu eng zugehen. Zwei bis drei Meter Abstand sollten es sein. Herrlich, wie Ever kopfgesteuert und sehr eckig Sengas geschmeidige Bewegungen imitiert. Und zutiefst berührend, wie er unter der Wucht der neuen Eindrücke und Emotionen förmlich zusammenbricht.

Langsam fassen die beiden einsamen Seelen Vertrauen zueinander und lassen nicht mehr zu, dass sich der andere isoliert. Mit Sengas Hilfe wagt Ever zuerst kleine Berührungen, dann eine Umarmung, schließlich den ersten Sex. Leichter wird die Annäherung für die beiden danach nicht. Diesmal ist es Senga, die nicht weiterweiß. Zwar ist ihr Traum, also eine Karriere als Tänzerin, längst zerbrochen, aber sie will nicht loslassen. Auch mancher schwergewichtigen Lebenslüge mag sie nicht ins Gesicht sehen. Es ist Ever, der ihr zeigt, dass Veränderung Mut erfordert. Man ahnt: Ganz leicht wird es für die beiden nicht. Am Ende steht ein Vielleicht. Mit Tendenz zum Positiven. Ein großer Theaterabend mit zwei phänomenalen Schauspielern.

Komödie, Kurfürstendamm 209, Charlottenburg, Tel. 88 59 11 88. Nächste Termine: 16., 19., 20., 23.–27.1. um 20 Uhr, 17., 21. & 28.1. um 16 Uhr, 18.1. um 18 Uhr

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