Konzert in Berlin

So war Gisbert zu Knyphausen in der Columbiahalle

Ein Freund von Klischees und funkelnden Sternen: Gisbert zu Knyphausen erringt beim Konzert in der Columbiahalle einen Arbeitssieg.

Gisbert zu Knyphausen lässt jetzt auch mal den Rocker raushängen

Gisbert zu Knyphausen lässt jetzt auch mal den Rocker raushängen

Foto: Peter Kneffel / picture alliance / Peter Kneffel/picture alliance

Die Fans von Gisbert zu Knyphausen unterhalten sich gern. Vor allem wenn er Musik macht, und da bevorzugt an den leisen Stellen. Leider tun sie das auch, wenn sie auf eines seiner Konzerte gehen. Das ist schade, denn gerade bei Gisbert würde es sich lohnen, genauer hinzuhören. Wenige Singer-Songwriter des Landes schreiben so gute Lieder. Vielleicht kennen sie die alle schon auswendig, diese Geschichten von schönen Verlierern und ratlosen Träumern, die immer wieder explodieren in Aufrufe, loszugehen und was zu tun: "Gegen Fernweh hilft nur das Heimweh / das rufe ich und renne los / immer wenn der Regen gegen mein Fenster schlägt."

Diese Texte kann man kaum verknappt zitieren. Sie funktionieren im Zusammenhang, wie sie Sloganhaftes auf Triviales auf Hochpoetisches prallen lassen, als wärs das Einfachste von der Welt, beglaubigt von Knyphausens Stimme. Und so beginnt der Abend in der proppenvollen Columbiahalle angemessen leise. Knyphausens Band gruppiert sich ganz um seine Worte. Die Trompeten sind gestopft, das Schlagzeug grummelt. Immer wieder gibt es Passagen, in denen Knyphausens Gesang nur vom Pulsieren des Basses gehalten wird: ein bisschen nölig, schlafzimmerwarm, als sei er eben erst aufgestanden und das alles hier nicht so wichtig.

Je länger das Konzert geht, desto mehr Jubel mischt sich unters Gequatsche. Knyphausen versucht sich auf "Das Licht dieser Welt", seinem ersten Soloalbum seit sieben Jahren, seit dem Tod seines Partners in Crime Nils Koppruch, in Stilerweiterung. Neben dem Dichter kommt der Rocker zum Vorschein, der schon mal zur roten E-Gitarre greift und Songs auf Englisch röhrt. Da will einer rocken (bitte nicht zu laut), will international sein (bitte nicht zu glatt). Da verrutscht das Alleinstellungsmerkmal: diese verletzlichen, mutig kitschnahen Zeilen, die mal an Sven Regener erinnern, eventuell sogar an Reinhard Mey – die letztlich aber keiner so schreibt wie Knyphausen.

Falls er von einigen im Saal missverstanden wird als Teil einer lockeren Wohlfühlkultur – eine Art Jack Johnson ohne Surfboard –, selbst wenn er über scheiternde Liebe, Einsamkeit und Sterben singt, dann fragt man sich an solchen Stellen: Ist da nicht was dran? Auf "Das Licht dieser Welt" gibt es einen Hang zu großen Bildern, zur Welterklärung, die nicht immer erleuchtend ist. Die wunderbar versponnene Hafenkneipenromantik von frühen Liedern wie "Kräne" schlägt etwa in "Unter dem hellblauen Himmel" um in Parkbank-Weisheiten.

Am Ende singen wieder alle mit

Direkter Vergleich: "Ein Mensch geht die Stufen / hinunter zum Fluss, / legt seinen Kopf in die Nacht /und die Füße in den Sand und sieht // die gewaltigen Tiere / mit metallenen Krallen / mit Neonlicht-Augen / und die Container, die fallen / unter grandiosem Gepolter / in den hungrigen Bauch / eines uralten Frachters." Das hätte der junge Brecht nicht besser singen können, wär er mal am Elbstrand vorbei gekommen. Heute textet der nach Berlin gezogene Gisbert mutwillig an gegen das Abgebrühte der Stadt: "Auf einer aschgrauen Parkbank sitzt eine Mutter mit Kind / Die Augen ihres Neugeborenen leuchten wie zwei schwarze Laternen / Und wenn sie tief hineinschaut, dann ist ihr als fiele sie zwischen die Sterne / In die Tiefen des Universums wie in eine andere Welt". Hamset ooch ne Nummer kleener?, fragt da der Berliner.

Doch nach einer guten Stunde naht der Zugabenblock, die alten Nummern werden ausgepackt. Da dreht sich die Stimmung im Saal. Die Kennen-wir-alles-schon-Haltung löst sich in Begeisterung: "Ich bin Freund von Klischees und funkelnden Sternen", singt Gisbert, "Kaum ist die Nabelschnur ab, / schon steh'n wir alle auf dem Schlauch" und "Das bisschen Herzschmerz / tut doch gar nicht so weh". Folk à la Bright Eyes wird geliefert, Chansons, mit Beatles-Zitaten versetzt und mehrere Wüstenrocker aus dem Repertoire des Kid-Kopphausen-Projekt. Es gibt Trompetensoli und jaulende Gitarren. Die Band um Knyphausen streicht, federt, stampft, ganz nach Bedarf. Und auch "Kommen und Gehen", eine Klavierballade übers Altern – das beste Stück des neuen Albums – , rührt an: "Meine geliebten Erinnerungen, wo wollt ihr denn ohne mich hin?"

Bei "So seltsam durch die Nacht" singen schließlich alle mit: "Wir rauchen immer viel zu viel / Doch wir sehn gut dabei aus / Ja wir tun das mit Stil." Gisberts Hemd hängt ihm hinten aus der Hose, Schweißflecken breiten sich aus, das Haar klebt verwirrt über der hohen Stirn. Dieser Abend ist ein Arbeitssieg, keine Frage. "Etwas besseres als den Tod finden wir überall" zitiert Knyphausen am Ende die Bremer Stadtmusikenten – eines der besten Lebensmotti überhaupt– und führt aus: "Wir gründen eine Band und spielen bis der Morgen graut". Ganz so lang ging es nicht in der Columbiahalle. Vielleicht aber müssen, vielleicht dürfen die wichtigen Dinge hin und wieder so einfach sein.

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